14. Mai 2011 / Salzwedel: „Die großen Taten wollen große Erben“

„ANs“ und „Freie“ in gewohnter Pöbelmanier / Blockaden zwingen Neonazis auf geänderte Route

Nachdem die alljährliche Jahresabschluss-demonstration in der Altmark Ende 2010 – mitten im NPD-Landtagswahlkampf – ausblieb, sollte thematisch der 08. Mai als Ersatz herhalten. Ein Aufmarsch in „Gedenken an die zahllosen Deutschen, die dem Wahn der Besatzer zum Opfer fielen“ sollte es werden. So verkündeten es Neonazis der „Freien Nationalisten Altmark West“ (FNAW) und dem „Infoportal Burg“. Das Niveau, das die Teilnehmer an den Tag legten bestätigte einmal mehr alle vorherigen Erwartungen. Eine ursprünglich für den 08. Mai 2011 durch Kai Belau erfolgte Anmeldung war von den Behörden untersagt worden. Dem Aufruf unter dem Motto „08. Mai – Wir feiern nicht!“ zum 14. Mai 2011 folgten letztlich etwa 165 Neonazis aus dem „freien“ Spektrum der extremen Rechten in die Hansestadt Salzwedel. Um die Planungen der Rechten zu durchkreuzen, beteiligten sich – laut Polizeiangaben – etwa 500 Neonazigegner an unterschiedlichen Protestformen in der Innenstadt. Nach Blockaden musste der rechte Aufzug eine geänderte Route in Kauf nehmen.

Las man den Aufruf zur Neonazidemonstration, konnte man den Eindruck gewinnen, hin zum 08. Mai 1945 habe ein Angriffskrieg gegen ein unschuldiges Deutschland eingesetzt, in dem dieses zerstört, verwüstet und seine Bevölkerung grundlos ermordet werden sollte. Der vorausgegangene Terror und der Zweite Weltkrieg, von Nazideutschland über die Welt gebracht, schien offensichtlich nicht existent für die Organisatoren des Aufmarsches. Die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und die darauffolgende Befreiung vom Nationalsozialismus markieren für die Veranstalter einen „Tag der Schande“. In ihrer Deutung handele es sich dabei um die so genannte „Befreiungslüge“ und eine vorgeblich wahrheitswidrige „Geschichtsschreibung der Sieger“.

„Schlagt den Linken die Schädeldecke ein!“

Der Aufzug der „anständigen Deutschen“, wie Heiko Krause (Tangerhütte) sich und seine Gesinnungsgenossen später betitelte, sollte sich an diesem Tag gleich nach Beginn erheblich verzögern. Nachdem die Polizei die Neonazis gleich am Startpunkt im Zickzack-Kurs durch die ersten Gegendemonstranten schleusen musste, kam der Aufzug kaum hundert Meter später zum Stillstand. Die Stimmung stieg – auf beiden Seiten. Mit Sprechchören wie: „Gebt den Linken die Straße zurück – Stein für Stein!“, „Schlagt den Linken die Schädeldecke ein!“ oder „Rote gibt’s in jeder Stadt. Bildet Banden, macht sie platt!“ ließen die Teilnehmer des Aufzuges ihren bevorzugten Umgang mit politischen Gegnern erahnen. Als ein junger Neonazi über Lautsprecheranlage zum immer wieder beliebten Stimmungsmacher „Ladiadiadiadiho, Antifa Hurensöhne“ anstimmte, fühlte Versammlungsleiter Toni Bliesener (Salzwedel) sich rasch genötigt, dies zu unterbinden. Die Stimmung der Teilnehmer wieder dem Anlass entsprechend zu gestalten sollte aber auch im weiteren Verlauf kaum gelingen.

Blockaden – geübte Praxis auf beiden Seiten

Während die Neonazis versuchten „die Straße frei der deutschen Jugend“ lautstark einzufordern war die Polizei bereits engagiert dabei, Sitzblockierer in der angrenzenden Goethestraße zu räumen. „Wir sind friedlich“ oder  die Forderung „keine Gewalt!“ sollten  vergebliche Versuche bleiben, die Polizei zur Unterlassung ihrer als unverhältnismäßig brutal empfundenen Maßnahmen zu bewegen. Die Blockierer hatten sich als Knäuel ineinander verknotet, um die drohende Räumung wenigstens so zeitaufwendig wie möglich zu gestalten. Dem rabiaten Zupacken der Polizeikräfte und das gezielte Einwirken auf empfindliche Druckpunkte an Kopf oder Gelenken der Blockierer, kann sich jeder Einzelne von ihnen nur schwerlich widersetzen, sobald er aus dem schützenden Blockadeknäuel herausgerissen war. Die verbliebenen Blockierer verketteten sich rasch wieder zu einem schützenden Knäuel.

Die Polizei ging dabei  strategisch nach Lehrplan vor. Im Kreis wurde die Sitzblockade umringt, zwei, drei „Greifer“ nähern sich dem Ring und griffen sich nacheinander einzelne Blockierer heraus, um sie abzuführen. Wer sich nicht fügen wollte, hat dabei auch schon mal einen kräftigen Faustschlag einstecken müssen. Gliedmaßen wurden bis zur Belastungsgrenze verdreht und unwillige Menschen über die Straße geschliffen. Einzelnen Blockierern wurde von Einsatzbeamten auch schonmal mit dem Knie der Kopf auf den Asphalt gedrückt. Immer wieder müssen Polizisten mit dem Verweis auf anwesende Pressevertreter mit Kameras die eigenen Kollegen maßregeln, nicht zu rabiat vorzugehen. Das lautstarke Verlangen nach Namen oder Dienstnummern der Beamten oder einem Einsatzleiter wurde konsequent ignoriert – auch das scheint in solchen Situationen gängige Praxis zu sein.

Die Blockade in der Goethestraße stellte letztlich ein Kraftakt für beide Seiten dar, der wenigstens anderthalb Stunden andauerte. Auch angesichts mindestens einer nächsten Sitzblockade, die etwa hundert Meter weiter den Weg versperrte, traten die Neonazis gegen 14.45 Uhr eine neue Route in die entgegengesetzte Richtung an. Auch hier entlang versuchten Gegendemonstranten nochmals mit kleinen Sitzblockaden und lautstarkem Protest den Aufmarsch zu verzögern und zu stören. Der Störungen überdrüssig räumten Polizeibeamte jegliche Menschenansammlungen vor dem Neonaziaufzug rigoros von der Straße. Trotz des vielfach unverblümten Hasses auf die BRD und deren Exekutive bestätigten die Aufzugteilnehmer das Vorgehen der Polizei wiederholt wohlwollend mit Parolen wie: „Nieder mit der roten Pest!“ oder „Die Straße frei der deutschen Jugend!“

„Wir anständigen Deutschen…“

Nach einem spontan einsetzenden Regenschauer hielten die Neonazis eine Zwischenkundgebung ab. „Wir haben uns die Straße heute nicht nehmen lassen … und wir werden wiederkommen. Das erwarte ich von Euch allen“, tönte Toni Bliesener als erster in das Mikrofon. „66 Jahre Unrecht und Befreiungslügen an unserem deutschen Volk“, konstatierte Heiko Krause in seinem Redebeitrag. „Der 08. Mai ist kein Tag zum Feiern für unser Volk. Der 08. Mai ist ein Tag zum Trauern und zum Anklagen. … Nicht wir sind die Geschichtslügner. Wir anständigen Deutschen bestehen auf die Wahrheit der Geschichte unseres Volkes und unseres Landes. … Das deutsche Volk hat seit dem 08. Mai 1945 eine wahre Jaucheflut von Geschichtslügen, Diffamierungen und Verleugnungen über sich ergehen lassen müssen“, ließ Krause seinen Verschwörungstheorien freien Lauf.

„Es geht einzig und allein ums weltweite Großkapital“

„Den internationalen Machtstrategen“ sei laut Krause nur „mit Hilfe gekaufter und billiger Medienmacher“ gelungen, „die deutsche Geschichte wie ein einziges Verbrecheralbum darzustellen. Schulen und Universitäten taten auf Anordnung der Siegermächte ein Weiteres, um die Gehirne und Seelen der jungen Deutschen zu vergiften.“ Worum es bei den vorgeblichen „Geschichtslügen“ eigentlich gehe, ist für Krause auch klar: „Es geht einzig und allein ums weltweite Großkapital.“ „Wir klagen an: die Befreier und ihre Helfer – vor allem unsere Volksverräter für die bis jetzt 66jährige Befreiung, die gekennzeichnet ist von Zerschlagung, Besetzung und Teilung des deutschen Reiches“, ließ das ehemalige  NPD-Gemeinderatsmitglied aus Tangerhütte verlauten und forderte „Schluss mit dieser USrael-BRD-Politik“. Gegendemonstranten aus einiger Entfernung wiesen unterdessen die Neonazis lautstark nochmal auf die bei ihnen unbeliebte Tatsache hin: „Ihr habt den Krieg verloren!“

„Wir Nationale Sozialisten denken immer an die Schande“

Der ehemalige Pressesprecher der NPD Sachsen-Anhalt, Jens Bauer schwadronierte anschließend betont pathetisch von „insgesamt über 17 Millionen deutschen Volksgenossen“, die als Verluste während und nach dem zweiten Weltkrieg zu beklagen seien. „Merket gut: Die großen Taten wollen große Erben. Ihr Todesmut will Euren Lebensmut … Die Toten des Volkes weisen den Weg zum Geschichtsbewusstsein, der geistigen Grundlage des Volksbewusstseins“, versuchte Bauer den Teilnehmern den Sinn zu Tode gekommener „Volksgenossen“ nahezubringen. „Nur Narren und Vaterlandsverräter feiern den 08. Mai als Tag der Befreiung. Wir Nationale Sozialisten denken immer an die Schande, die unserem Volk an diesem Tag angetan wird“, so Bauer weiter. Mit der Weisung „Kopfbedeckung ab“ und „senkt die Fahnen“ leitete Bauer eine Schweigeminute ein. Ein zerrendes Quietschen aus der Lautsprecheranlage beendet den Gedenkmoment und ließ Bauer das Gesicht verziehen.

„Ey, wir kennen Dich. Wir wissen wo du wohnst“

Der Rückweg sollte sich nicht weniger stimmungsvoll gestalten. Lautstarke Gegendemonstranten säumten die Route. Verbale Schlagabtausche zwischen Neonazis und Gegnern kamen immer wieder auf. Versammlungsleiter Toni Bliesener ließ sich einem einzelnen Neonazigegner gegenüber zu unmissverständlichen Drohungen per Megaphon hinreißen. „Ey, wir kennen Dich. Wir wissen wo du wohnst … Salzwedel ist klein“, war seine Ansage. Der „Szene-Ausrüster“ Bliesener ist Geschäftsführer des Neonaziversandes „Explosiv-Salzwedel“ und betreibt den Laden „Body-Factory Salzwedel“. Der Rest der Aufzugteilnehmer wähnte sich schon in der vermeintlichen Gewissheit: „Salzwedel ist in unsrer Hand – nationaler Widerstand!“

„Schluss mit dem ganzen anderen Quatsch“

Zum Abschluss der Demonstration gab der Stendaler Sascha G. seinen geschichtsrevisionistischen Gedanken nochmal zum Besten: „Wir wurden in einen Krieg getrieben, um uns, das deutsche Volk, wirtschaftlich und biologisch zu vernichten. Schluss mit der Befreiungslüge! Und Schluss mit dem ganzen anderen Quatsch, den die Herrschenden versuchen uns weiszumachen. Wir lassen uns nicht länger verarschen.“ Bevor Toni Bliesener die Veranstaltung auflöste, bedankte sich Jens Bauer bei den anwesenden Kameraden und erinnert angesichts des Regenschauers nochmal daran, „dass unsere Vorfahren viel schlimmeres aushalten mussten, als wir heute mit dem bisschen Wasser hier.“

An der Demonstration nahmen vornehmlich Personen aus dem Spektrum so genannter „freier“ und „Autonomer Nationalisten“ teil. Darunter fanden sich sachsen-anhaltische Neonazis u.a. aus der Region Altmark, Stendal, Mansfeld Südharz, Jerichower Land, der Börde, Saale- und Salzlandkreis.  Zudem nahmen Neonazis aus Niedersachsen und Nordrhein-Westphalen teil. Ein Transparent der „AN-Stendal“ wurde zu Beginn von der Polizei mit dem Verdacht der Volksverhetzung einkassiert. Der ursprüngliche Anmelder Kai Belau blieb der Veranstaltung an diesem Tag fern. Wenige Tage zuvor waren er und Kay Schweigel von der Polizei im Umfeld befürchteter Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Rockergruppen festgestellt worden. Ob daraus resultierende Unstimmigkeiten in der regionalen Neonaziszene für das Fernblieben beider bisheriger FNAW-Aktivisten verantwortlich zeichnet, blieb an dieser Stelle ungeklärt.

||Infothek, Mai 2011||
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