12. März 2011 / Dessau

12. März 2011 / Dessau: „Was da seit Jahren in Dessau abgeliefert wird ist einfach nur peinlich“

Schwindende Teilnehmerzahlen bei rechtem „Trauermarsch“ / mehrere hundert Menschen demonstrieren vielfältig gegen Neonazis

In beständiger Wiederholung kündigten für den 12. März 2011 in Dessau-Roßlau abermals Neonazis aus dem parteiungebundenen Spektrum an, anlässlich der Bombardierung der Muldestadt zu demonstrieren. Die Veranstaltung unter dem Motto „Den Opfern vom 07. März 1945 gedenken!“ fand mit knapp 150 Teilnehmern weit weniger Resonanz und Unterstützung als erwartet. Neonazigegner hatten verschiedene Aktionen im Stadtgebiet angekündigt. Aufgrund mehrerer Blockaden mussten die Neonazis eine Änderung ihrer Route in Kauf nehmen.

„deshalb meide ich diesen Trauerzug“

Die Anmelderin und Ex-NPD-Landesvorsitzeden Carola Holz gilt nach ihrem Rücktritt aus dem NPD-Landesverband 2008 von der Neonazipartei als Abtrünnige. Die Anerkennung der „Freien Nationalisten aus Anhalt-Bitterfeld und Dessau“ in der Neonaziszene scheint unter Holz und dem vom Verfassungsschutz als „Führungsperson“ ausgemachten Versammlungsleiter Alexander Weinert stetig zu schwinden. In Neonaziportalen wird den Veranstaltern des alljährlichen „Trauermarsches“ in Dessau-Roßlau schon im Vorfeld das „Bild einer desolaten Außendarstellung“ attestiert und sich darüber echauffiert: „was da seit Jahren in Dessau abgeliefert wird ist einfach nur peinlich.“ Resultat eines Forenschreibers: „deshalb meide ich diesen Trauerzug.“

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So sahen es offensichtlich auch weite Teile der Neonaziszene. Folgten dem Aufruf der „Freien Nationalisten“ im Vorjahr noch 230 und 2009 noch knapp 300 Teilnehmer so fanden in diesem Jahr gerademal noch 150 Neonazis den Weg nach Dessau-Roßlau. Die mangelhafte Qualität des sogenannten „Trauermarsches“ der hiesigen „Freien Nationalisten“ mag einiges dazu beigetragen haben. Keine so genannte „Weltnetzseite“, kein Nachrichtenticker, wie es fast jede andere Provinz-Kameradschaft mittlerweile vorweisen kann – das Web 2.0 scheint bei den hiesigen Kameraden noch nicht angekommen zu sein.

Zudem war man sich bei Terminankündigungen auf externen Neonaziportalen offensichtlich auch nicht einig, wer denn nun zu dem Trauerspektakels aufrufen würde. Waren im Vorjahr noch die „Freien Nationalisten aus Anhalt-Bitterfeld und Dessau“ als Veranstalter ausgewiesen, so publizierte die extreme Rechte in diesem Jahr in offenkundiger Uneinigkeit mal die „Freien Nationalisten Dessau“ und mal jene aus Anhalt-Bitterfeld als Veranstalter. Unterstützten in den vergangenen Jahren teils noch bekannte Redner der Neonaziszene die Demonstrationen in Dessau-Roßlau, so fiel die Ausbeute in diesem Jahr auch auf diesem Gebiet sehr mager aus, was außerdem auf eine schwindende Relevanz des Aufmarsches in der Szene schließen lässt.

„NPD-Aufmarsch“ der keiner war

Auch auf der anderen Seite hingegen wurde stetig daran festgehalten, der Neonazi-Demonstration eine innovative Note zu verpassen. Die zuvor herbeigeredete Einheit von Neonazi-Kameradschaften und „NPD-Kadern“ sowie die Stilisierung einer erwarteten NPD-Wahlkampfveranstaltung anlässlich der anstehenden Landtagswahl schienen ob der szeneinternen Differenzen um die hiesigen Neonazis sehr unwahrscheinlich. Dennoch: Bei stetiger Wiederholung und passed zum Wahlkampf, wurde auch in der Medienberichterstattung im Nachgang aus dem Häufchen parteiungebundenen Neonazis wider besseren Wissen ein „NPD-Aufmarsch“ gemacht.

Unplanmäßige Änderungen

Ganz planmäßig verlief der Aufmarsch indes nicht. Nachdem die Neonazis gegen 14.30 Uhr ihren Aufmarsch starteten kamen sie nach etwa 500 Metern bereits wieder unfreiwillig zum Stehen. Neben einer Musikkundgebung am Hauptbahnhof und einer Kundgebung am Rathaus, die in Sichtweite zur geplanten Route auf lautstarken Protest setzten, nutzten zahlreiche Neonazigegner die Gunst der Stunde und übten sich im Blockieren. Die Neonazis versuchten auf ihrer angemeldeten Route zu beharren, um nicht angesichts blockierender Gegendemonstranten ihr Gesicht zu verlieren. Erst nach eineinhalb Stunden setzte sich der rechte Aufmarsch dann aus der kleinen Seitenstraße heraus wieder in Bewegung – und nahm letztlich eine Routenänderung in Kauf.

Zwischenzeitlich hatten Gegendemonstranten auf der Zerbster Straße mit mehreren Sitzblockaden hintereinander dafür gesorgt, den Neonazis den Weg durch Dessaus Fußgängerzone, vorbei am Rathaus und über den historischen Schlossplatz abspenstig zu machen. Die Polizei versuchte teils sehr rabiat die Blockaden zu räumen. So zurückhaltend und kommunikativ sich Beamte gegenüber Blockierern aus Parteien und dem bürgerlichen Spektrum verhielten, so handgreiflich und gewalttätig gingen sie gegen Aktivisten der Antifa-Szene vor. Letztendlich sollten sich die Blockierer dennoch als hartnäckiger erweisen.

„die edelsten und treuesten Seelen unseres Volkes“ sind angetreten

Ein für den Schlossplatz geplanter Redebeitrag musste in der Enge der Ferdinand-von Schill-Straße gehalten werden. Ein als „Vertreter der Gedenkstätte Borna“ angekündigter Redner sprach zu den „edelsten und treuesten Seelen unseres Volkes“, die sich hier versammelt hätten, „um an jene völkerrechtswidrigen und skrupellosen Bombardements der alliierten Kriegsgegner gegen Deutschland zu erinnern.“ Er wirft mit zahlreichen Daten und Zitaten um sich, was seine Rede nicht gerade flüssig rüberkommen ließ. Den zumeist jungen Anwesenden war das sichtlich anzumerken.

„Diese deutsche Macht“ sei „ausgelöscht“ worden, echauffierte sich der Redner und beklagte wehmütig: „Ausgelöscht wurde bis zum 08. Mai 1945 das geistige, das spirituelle Deutschland, das heilige Deutschland. Es liegt unter brandfrischer Erde begraben, ist in Stalingrad erfroren, wurde in der Tiefe des Atlantik versenkt und liegt unter den Häusern seiner Städte verschüttet. Dieses spirituelle Deutschland starb an den Stränden der Normandie, auf den Seelower Höhen, (…) und verhungerte auf den Rheinwiesen.“ Die Schuldfrage ist dabei ist für die Neonazis längst geklärt. Noch heute wähnen sie sich von alliierten Besatzern unterdrückt und beklagen, dass die „Geschichte von den Siegern umgeschrieben und die Überlebenden seither umerzogen“ wurden.

„verwirrter Volksgenosse hat versucht den Trauerkranz an der Spitze anzugreifen!“

Entlang der großen Bundesstraße durch die gesamte Stadt machte der rechte Aufmarsch einen eher kümmerlichen Eindruck. Am Rande tauchten immer wieder Gegendemonstranten auf und begleiteten das Neonazi-Event lautstark. Verwirrung kam bei den Veranstaltern kurz auf, als ein Neonazigegner mit einem beherzten Sprint versuchte, den Neonazis den vornweg getragenen Kranz zu entreißen. Die Träger klammerten sich am Kranz fest und traten beide auf den vermeintlichen Dieb ein. Dieser entflüchtete mit einem kurzen Endspurt der Szenerie. „Ordner Überwältigten ihn, und haben ihn den „schlafenden“ Polizisten am Straßenrand übergeben!“ twitterten Teilnehmer des Aufmarsches kurz darauf fern jeder Realität. Ab diesem Punkt wurden extra Ordner abgestellt, die für die Sicherheit des Kranzes sorgen sollten. Wenige Meter weiter brachten nochmal die Teilnehmer einer DGB-Kundgebung auf der Museumskreuzung die Stimmung zum Siedepunkt. Dass die Neonazis in der Stadt nicht gewollt waren, sollte spätestens hier unmissverständlich klar gewesen sein.

„Wir sind die letzte Generation“

Ein „Kamerad von nationalen Widerstand aus Thüringen“ sprach als erster Redner vor dem Heidefriedhof in Dessaus Süden – dem eigentlichen Ziel der Neonazis. Für das hier geplante Zeremoniell hatten die Veranstalter extra Fackeln mitgebracht, die hier entzündet wurden. Der Neonazi beklagte sich über „offenkundige Tatschen, die als Wahrheit verkauft werden und auch nicht hinterfragt werden dürfen. Tut man das dann doch, winken empfindliche Strafen.“ Als Basis für den von ihm kritisierten „Schuldkult“, der aus Sicht der Neonazis in Deutschland vorherrsche, hatte er u.a. „bestimmte Paragrafen im Strafgesetzbuch“ ausgemacht, die z.B. Volksverhetzung und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen unter Strafe stellen. „Wir sind die letzte Generation“, die dieser Entwicklung noch etwas entgegenzusetzen vermag, wähnen sich die Neonazis allzu gern. Worin die Anwesenden dem Redner zustimmten.

Gedenkzeremoniell und Zeitreise unter Neonazis

Trat im Vorjahr noch der Hildesheimer Neonazi Dieter Riefling als Redenr bei dem Dessauer „Trauermarsch“ auf, übernahm die Rolle in diesem Jahr seine Frau Ricarda. Sie gilt, ähnlich wie ihr Mann, als Bindeglied zwischen NPD und „Freiem“ Kameradschaftsspektrum, ist im „Ring nationaler Frauen“ (RNF) sowie der  „Gemeinschaft deutscher Frauen“ (GDF) aktiv und kandidierte zur Bundestagswahl 2009 für die NPD als Direktkandidatin. Die Neonazistin nahm die Anwesenden mit auf eine imaginäre Zeitreise in das Dessau von 1945. Die Zuhörer sollten sich, konfrontiert mit der zerstörten Muldestadt, vorstellen, wie Proteste gegen jene, die anlässlich dieser Zerstörung trauern wollten, bei denen ankommen müssen, die diese Tage miterleben mussten.

Zweifel an der „offiziellen Geschichtsschreibung“ meldete auch Riefling an und beklagte in diesem Kontext „trakonische Stafen“, wie einige der Anwesenden wohl aus eigener Erfahrung wissen. „Geht es aber um andere Opfergruppen“, echauffierte sich Ricarda Riefling, „dann ist kein Mahnmal groß genug dafür, obwohl diese Opferzahlen bis heute noch historisch umstritten sind.“

Auf die Weisung der Neonazistin Riefling, die Fahnen zu senken und schweigend zu verharren folgte die lautstarke Order aus einer anderen Ecke des Platzes: „Kopfbedeckung ab!“ Als Begleitung zur Schweigeminute stimmte ein rüstiger Teilnehmer als Mundharmonika-Solo das Lied „Ich hatt´ einen Kameraden“ („Der gute Kamerad“) an.

Abermals begleitet von lautstarken Gegendemonstranten traten die Neonazis ihre letzten Meter bis zum Bahnhof Süd an. Hier sollte der Aufmarsch gegen 17.30 Uhr sein Ende finden.

|Infothek, März 2011|
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