28. Juli 2010 / Zeitz

„Zeitz den Zeitzern!“

Der Arbeitskreis „Bürger wehrt Euch!“ rief zur Kundgebung auf und blieb (fast) gänzlich unter sich

Am 28. Juli 2010 trafen sich insgesamt 28 Personen zu einer Kundgebung auf dem Schützenplatz in Zeitz unter dem Motto: „Hartz IV – und was sonst noch stört.“ Aufgerufen hatte der Zeitzer NPD-Arbeitskreis „Bürger wehrt Euch!“ um Christel Kasprzyk. Die Versammlung begann kurz nach 17.00 Uhr auf dem sonst menschenleeren Platz.

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Während Versammlungsleiterin Kasprzyk den dreiseitigen Auflagenbescheid vorlas, kam es zu einer ersten kurzen Störung. Eine kleine Gruppe von Antifaschisten versuchte sich mit einem Transparent in der Nähe der Nazikundgebung aufzustellen und wurde von der Polizei unter Anwendung von Gewalt vom Platz gedrängt. NPD-Landesvorstandsmitglied Andreas Karl unterstellte in seiner später folgenden Rede „diesen Brüllhälsen“ dann gleich einmal, für ihre Aktion mit immensen Summen öffentlicher Gelder bezahlt worden zu sein. Neben dieser Störung und dem Desinteresse der Zeitzer mussten die Teilnehmer jedoch noch weitere Widrigkeiten in Kauf nehmen. So sorgte die immer wieder ausfallende Tontechnik dafür, dass die Redebeiträge nur bruchstückhaft verständlich waren und zwei weitere Nazigegner störten mit Zwischenrufen den Ablauf zusätzlich. Im Laufe der Veranstaltung setzte strömender Regen ein, so dass die Versammlung eine Stunde früher als geplant beendet wurde.

„Hartz IV – und was sonst noch stört“

Hauptredner der Kundgebung waren Kasprzyk, die für die NPD im Zeitzer Stadtrat sitzt, sowie das NPD-Kreistagsmitglied Andreas Karl. Dieser holte auch gleich zu einem ausufernden Themen-Rundumschlag aus: Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Politikerrücktritte, Hartz IV, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Loveparade, Beamtenpensionen, Bankenkrise, Schulschließung wurden zusammenhangslos aneinander gereiht.

Beim Thema Wirtschaftskrise wähnte Karl sich und die anwesenden NPD-Anhänger in ungewöhnlich toleranter Weise „im selben Boot“ mit Ärzten, Arbeitern, Bauern, aber auch mit „sogenannten Linken“, Pazifisten und Schwulen. „Tatsache ist, wenn es hier richtig rundgehen wird, […] dann haben wir alle darunter zu leiden. Und deshalb ist es das oberste Gebot, dass die Meinungsfreiheit immer bestehen sollte. Gott sei dank können wir heute hier stehen und reden und wir sind stolz darauf, dass wir das auch können“, so Karl in seinem etwas unsortiert wirkenden Vortrag. Bundeswehrsoldaten in Afghanistan seien seiner Meinung nach nichts weiter als „billige Söldner für das Großkapital der amerikanischen Ostküste“ und schuld an den Toten der Duisburger Loveparade seien die „gefährlichsten Rauschgifte, die aus dem Ausland eingeschmuggelt werden.“

„Nichts gegen unsere lieben ausländischen Mitbürger, aber…“

Karl wünschte sich unter dem Beifall der Teilnehmer, dass es in Zeitz wieder wird, „wie es früher einmal war“: „Nichts gegen unsere lieben ausländischen Mitbürger, die ja auch zur Zeit bei uns leben, aber wir können es nicht dulden, dass in der Zeitzer Innenstadt ein Dönerladen nach dem anderen und ein vietnamesischer Billigladen nach dem anderen ist. In diese Häuser gehören in erster Linie Familien, die einer ordentlichen Handwerkstätigkeit nachgehen oder einer anderen Handelstätigkeit.“ Zur Abschreckung verriet Karl den anwesenden Provinzlern auch seine Vorstellung von westdeutschen Städten: „Da kaufen Türken und Kurden ganze Straßenzüge auf, liebe Freunde, […] hier bei uns im Land kann jeder Kurde, der mit einem Koffer voll Geld kommt, einen Straßenzug oder zwei oder drei kaufen.“

Karls Überlegungen, dass wir alle, wenn wir in den Kosovo, in die Türkei, nach Jugoslawien oder in den Kongo gehen würden, dort keine Sozialhilfe oder Rente bekämen und nicht auf Kosten der dortigen Bevölkerung überleben könnten, gipfelte in die Feststellungen, „also, ein jedes Volk muss zuerst an sich selbst denken“ und „die Vielfalt der Völker muss erhalten werden. Gott hat es nicht anders gewollt. Die Gesetze des Universums sind so aufgebaut. In Afrika gibt es die Pygmäen und die Zwergpygmäen, die sind nicht größer als 1,20 m. In der Savanne leben die Massai, kein Krieger ist unter 1,90 m, es gibt die Chinesen, es gibt die anderen afrikanischen Völker, die Russen, die Türken und uns eben auch, die Deutschen. Jeder soll glücklich und zufrieden sein, die Vielfalt der Völker muss erhalten werden.“

„Ein Volk, ein Reich, ein Mindestlohn“

Kasprzyk, die in Zeitz bereits zweimal erfolglos zur Oberbürgermeisterwahl kandidierte, arbeitete sich in ihrer Rede an aktuellen Zeitungsschlagzeilen ab, u.a. zu Loveparade und Bildungspolitik, um mit der These zu enden, dass „das System am Ende“ sei und „künstlich am Leben gehalten“ werde. Danach waren alle Teilnehmer der Kundgebung aufgerufen, selbst zum Mikrofon zu greifen um eigene Statements zum Thema „Und was sonst noch stört“ abzugeben. Diese Möglichkeit wurde unter anderem genutzt um zu fordern: „Zeitz den Zeitzern, dass Zeitz wieder läbenswert [sic!] wird!“ Ein Zeitzer in orangefarbener Warnweste mit der Aufschrift „Ein Volk, ein Reich, ein Mindestlohn“ sorgte sich, dass weitere „Asylanten“ in der Stadt angesiedelt werden, die dann die wenigen verbleibenden Arbeitsplätze besetzen und Zeitz zum „Kreuzberg vom Burgenlandkreis“ machen würden. Er spekulierte auch, ob das Einkaufszentrum „Michaelpark“ nur für die Asylbewerber gebaut wurde, damit diese dann auch genügend Einkaufsmöglichkeiten hätten.

Auch eine der Ordnerinnen nutzte die Möglichkeit des offenen Mikrofons. Die als Zeitzer Sozialarbeiterin angekündigte Frau betonte, dass der Staat BRD aufgrund einer angeblich fehlenden Verfassung eigentlich nicht existent sei. Mittlerweile im strömenden Regen griff der bekennende „Reichsbürger“ Karl dieses Thema noch einmal auf und führte aus, warum er das Grundgesetz der Bundesrepublik nicht anerkennt und welche Hoffnungen er in eine Verfassung setzt, die sich das „deutsche Volk“ gibt, nämlich die Befreiung von „Knechtschaft“ und „Besatzerregime“ sowie die Deutungshoheit über Themen wie Familienförderung, Rentenerhöhung und „Todesstrafe für Kindermörder“. Nachdem alle Freiwilligen ihre Statements abgegeben hatten und Anmelderin Kasprzyk „hier nicht den Alleinunterhalter spielen“ wollte, wurde die Kundgebung kurz nach 18.00 Uhr für beendet erklärt.

||Infothek 05. August 2010||
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