13. März 2010 / Dessau-Roßlau: Trauermarsch

„Wir stehen in ihrer Tradition und in ihrer Pflicht, weiterzukämpfen“

Neonaziaufmarsch bleibt hinter Erwartungen zurück // vielfältiger Protest gegen braunen Trauermarsch

Unter dem Motto: „Gegen das Vergessen – 65. Jahrestag der Bombardierung Dessaus – Zum Gedenken der Opfer!“ veranstalteten die „Freien Nationalisten Dessau / Anhalt-Bitterfeld“ am 13. März 2010 den mittlerweile vierten „Trauermarsch“ durch Dessau-Roßlau. Nachdem in Dresden einen Monat zuvor der europaweit größte Neonaziaufmarsch mit etwa 6.400 Teilnehmer durch friedliche Blockaden von mehr als zehntausend Gegendemonstranten erstmals verhindert werden konnte, waren die Erwartungen an folgende „Trauermärsche“ hoch. Die Organisatoren aus Anhalt versuchten „nach der Schikane von Dresden“ die aufgestaute Wut der Neonaziszene zu nutzen, um der Mobilisierung für den eigenen Aufmarsch Antrieb zu verleihen und verkündeten: „Kommt nach Dessau … Die Demokraten und Gutmenschen würden nie damit rechnen, wenn dort eine Teilnehmerzahl wie in Dresden erreicht werden würde“. Letztendlich fanden noch weniger Neonazis als im Vorjahr (ca. 300) den Weg in die Muldestadt. Etwa 230 Neonazis standen rund 700 Gegendemonstranten in der gesamten Innenstadt gegenüber. Die Neonazis mussten ein vielfältiges und kreatives Repertoire an Protestformen über sich ergehen lassen, bevor sie am anderen Ende der Stadt wieder den Heimweg antraten.

Am Hauptbahnhof, dem Treffpunkt des Aufmarsches, sollte an diesem Tag gleich von vornherein der rechten Trauerstimmung angemessen begegnet werden. Etwa 150 Unterstützer sorgten hier mit musikalischem Programm ab 12.00 Uhr für einen stimmungsvollen Empfang. Als die Rechten nach 13.00 Uhr „Marschformation“ einnahmen, sollte dies noch lange nicht heißen, dass sie die 6,5 Kilometer lange Strecke auch so gleich antreten konnten. Gegendemonstranten blockierten zunächst die erste Kreuzung und verhinderten somit, dass die Neonazis ihren Sammelplatz überhaupt verlassen konnten. Erst eine gute Stunde verspätet sollte sich der Trauermarsch dann in Richtung Polizeirevier und Innenstadt in Bewegung setzen, nachdem die Straße zumindest teilweise geräumt worden war. Die erste Zwischenkundgebung fand in der Zerbster Straße, nahe einer Gegenkundgebung mit etwa 600 Teilnehmern auf dem Marktplatz statt. Zwei Redner versuchten hier gegen die Rufe der Gegendemonstranten anzukommen und die rechten Teilnehmer, die aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg, Thüringen und Niedersachsen angereist waren, zu unterhalten. In einschlägigen Neonaziforen kritisierten Teilnehmer im Nachhinein: „Allerdings dürfte wohl kaum ein Zuhörer was verstanden haben, was jedoch nicht an den Pfiffen und Parolen der Gegenseite lag, sondern viel mehr an der Lautsprecher-Anlage die durch leichte Disfunktion glänzte.“ Zudem hatte „der vortragende Kamerad … nicht nur mit dem ununterbrochenen Störlauten, sondern wohl auch mit seiner Stimme zu kämpfen“, so ein anderer Teilnehmer im Forum weiter.

„Beim Anblick dieser Gutmenschen, die heute auf dem Marktplatz ihre Folklore, Kabarett und Tanzveranstaltung abhalten, ist mir speiübel“

Frank Nowak vom Dessauer Bund der Vertriebenen war es, der mit krächzender Stimme die „so zahlreich Angetretenen … zum Ehrenappell des Gedenkens der gefallenen Bombenopfer der Heimatfront vor 65 Jahren“ begrüßte. Laut BdV-Kreisverbandsvorsitzenden Nowak hätte ein 85jähriger Dessauer Zeitzeuge erwogen, zu den Teilnehmern des Aufmarsches zu sprechen. „Der pietätlose Kabarett- und Faschingsauftritt, die würdelose Verhöhnung der gefallenen und getöteten Opfer der Bombennacht vom 07. März 1945, wie diese Gutmenschen der ‚Aktion Weltoffenheit – Netzwerk Gelebte Demokratie‘ es mit ihrem unmenschlichen, ehrlosen, würdelosen Aktionen und Initiativen hier zeigen und erbärmlich sich hier präsentieren, haben diesen Dessauer Zeitzeugen – 85 Jahre – bewogen, zuhause zu bleiben“, musste Nowak, der 1999 noch für die Schill-Partei Partei DSU (Deutsche Soziale Union) in Dessau kandidierte, jedoch vor Ort konstatieren. „Beim Anblick dieser Gutmenschen, die heute auf dem Marktplatz ihre Folklore, Kabarett und Tanzveranstaltung abhalten, ist mir speiübel und ich würde mich zu sehr über diese Subjekte aufregen“, zitierte Nowak den unbekannt gebliebenen „Zeitzeugen und Kameraden“.

„Wir gedenken und trauern – wir feiern nicht!“

Die „junge Generation“, so Nowak weiter, sei aufgerufen, „die historische Wahrheit zu erforschen und zu erkennen und den Mut zu haben, zu unserer Geschichte ‚Ja‘ zu sagen. Die Geschichte muss frei von der Geschichtsschreibung der Sieger sein“, forderte der Dessau-Roßlauer im Namen der „Heimatvertriebenen Mitglieder vom Dessauer Kultur- und Heimatkreisarchiv“. Er bedankte sich bei den Organisatoren des Trauermarsches  für deren „aufrichtiges und unermüdliches Engagement“. „Nur durch ihren Einsatz und des unbeeinflussten Geschichtsbewusstseins wider den Zeitgeist, ist es den Organisatoren gelungen eine nachhaltige Trauer- und Gedenkkultur und ein Trauerbewusstsein … zu schaffen“, so Nowak. In Anspielung auf die Unterzeichnung der Kapitulation Nazideutschlands betonte der Dessauer BdV-Vertreter: „Wir gedenken und trauern – wir feiern nicht!“ „Unseren Toten“, denen die Neonazis an diesem Tag in der Muldestadt gedachten, rief er abschließend zu: „Ihr seid uns ein Stück vorausgegangen … Was ihr ward, … in uns wird fortbestehen. Von Generation zu Generation werden wir das Erbe weitergeben.“

„Die Wahrheit, … dass nicht Deutschland den Krieg begonnen hat“

„Die Geschichte muss alle 50 Jahre neu geschrieben werden“, begann der Hildesheimer Neonazi Dieter Riefling seine Rede und wähnte diese Frist längst überfällig: „Seit dem Ende des zweiten großen Völkerringens im letzten Jahrhundert“, wie er den Weltkrieg verharmloste, der von deutschem Boden ausging, „sind nunmehr weit mehr als 50 Jahre vergangen. Und die Umerziehung, die neue Geschichtsschreibung der damaligen alliierten Sieger bedarf nunmehr endgültig der Korrektur“, so Riefling. „Korrektur dahingehend, dass nun wieder die Wahrheit in die Geschichtsbücher Einzug halten muss. Die Wahrheit insofern, dass es erstens Fakt ist, dass nicht Deutschland den Krieg begonnen hat, sondern die alliierte Hochfinanz, dessen Marionetten Churchill, Roosevelt und Stalin waren“, konstatierte der ehemalige Kader der verbotenen FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) als „erste Wahrheit“. Als „zweite Wahrheit, die in den Geschichtsbüchern wieder Einzug halten muss“, wähnte Riefling, „dass wir nicht befreit worden sind, sondern dass lediglich unsere Wehrmacht ehrenvoll die Waffen in einem Waffenstillstand niedergelegt hat. Wir sind nicht besiegt worden, wir haben nur eine längere Pause in diesem Völkerringen eingelegt.“ „Jeder wehrhafte Deutsche“, sei dem Neonazi zufolge, „auch heute noch dazu aufgerufen …, sein Volk und seine Heimat zu verteidigen. Und wir haben das Recht, ja die verdammte Schuldigkeit, die Feinde unseres Volkes anzugreifen“, so Riefling weiter.

„Wenn der Tag einst gekommen ist, dass wir diese vorrübergehende Organisationsform BRD endlich in den Lokus der Geschichte schicken können“

Als Feinde hat der Neonazi die „Marionetten der internationalen Hochfinanz“ genauso auserkoren wie die Gegendemonstranten, die „dort drüben stehen und pöbeln und sich im eigenen Dreck suhlen, der ihnen von den eigenen Siegern hier hin gekarrt wurde“. Laut Riefling seien diese dennoch „Volksgenossen“, die sich nur wieder besinnen müssten, „auf das Blut was in ihren Adern fließt“. „Wenn der Tag einst gekommen ist“, so Riefling weiter, „dass wir diese vorrübergehende Organisationsform BRD endlich in den Lokus der Geschichte schicken können, dann werden wir ihnen die Hand reichen und sagen: Volksgenosse, leiste mit uns Aufbauarbeit, bring dich ein in die Volksgemeinschaft.“ Wer dem Weg nicht zu folgen bereit sei, dem werde man sich handgreiflich widmen müssen. Als „die letzten Hoffnungsträger der deutschen Nation“ würden sie einstehen für ein „gesamtes deutsches Volk“, wobei die „Volksgeschwister jenseits der BRD-Grenzen“ nicht vergessen werden dürften. „Viele Volksgenossen leben noch jenseits der so genannten Oder-Neiße-Deportationslinie. Wir wollen kämpfen für alle Deutschen, mögen sie aus Süd, Nord, Ost oder West kommen. Denn Danzig. Breslau und Stettin sind deutsche Städte wie Berlin.“

„Wir sind stolz darauf, was unsere Ahnen geleistet haben“

Riefling ruft die Anwesenden auf, sich nicht bange machen zu lassen, von dem „Pöbel“, den diese wenige Meter hinter sich hörten: „Marschieren wir weiter heute in Gedenken an die wehrlosen Opfer des Bombenholocausts der Jahre `41 bis `45“, appellierte Riefling. Der Begriff Holocaust, so der Neonazi weiter, stünde nicht ausschließlich „einer kleinen, sehr mächtigen, sich selbst auserwählt meinenden Gemeinde hier in der BRD“ zu.  „Holocaust heißt Verbrennen, Vernichten. Nichts anderes haben sie damals gemacht“, so der Hildesheimer als Versuch die Opfer der Bombardierungen deutscher Städte mit jenen aus  industriell organisierten deutschen Vernichtungslagern auf eine Stufe zu stellen. „Wir nehmen unsere Geschichte an, ja wir sind stolz darauf, was unsere Ahnen geleistet haben. Sei es der Freiheitskampf beginnend von Hermann dem Cherusker bis zum Frontsoldaten des zweiten Weltkrieges“, bekannte der Neonazi unmissverständlich und schloss zunächst ab mit: „Wir stehen in ihrer Tradition und in ihrer Pflicht, weiterzukämpfen.“

Während der Zwischenkundgebung, die recht lautstark von Gegendemonstranten begleitet wurde, versammelten sich immer mehr von ihnen an der Kreuzung, die der rechte Aufzug als nächstes passieren sollte. Doch zunächst sollte ein weiterer Blockadeversuch dies verzögern. Diesmal ließen sich die Einsatzkräfte der Polizei jedoch nicht solange bitten und räumten die sitzenden Gegendemonstranten sehr rabiat von der Straße. An einem zweiten Blasorchester – diesmal vom Dessauer Kirchenkreis – vorbei traten die Neonazis ihren langen Weg in den Süden der Stadt an. Ein Gedenkzeremoniell vor dem Friedhof III in der Heidestraße, wie in den vergangenen Jahren, blieb ihnen zumindest an diesem Tag verwehrt. Mitglieder und Sympathisanten der VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) hatten sich den Platz für diesen Nachmittag mit einer Mahnwache für die im Nationalsozialismus ermordeten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter reserviert. Eine kleine Gruppe Nazigegner hatte es sich zudem auf die Fahnen geschrieben, den Trauermarsch bis auf die letzten Meter zu begleiten und immer wieder an der Wegstrecke für einen heiteren musikalischen Rahmen zu sorgen.

„Dieses Feuer … brennt in jedem einzelnen von uns“

Ausgerechnet am Seitenausgang des Teils des Friedhofes, wo Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und andere Opfer des Faschismus begraben liegen, wichen die Neonazis aus, um im Fackelschein ihr Gedenkzeremonie zu vollziehen.  Der Dresdner Neonazi des „Aktionsbündnisses gegen das Vergessen“ Maik Müller referierte hier über die Bombardierungen, die Dessau im Zuge des zweiten Weltkrieges zu verzeichnen hatte. „Heute“, so Müller, „65 Jahre danach, müssen wir erleben, wie die Demokraten und die von ihnen finanzierte Antifaschistische Aktion immer wieder versuchen, das ehrenhafte Gedenken an die Toten unseres Volkes zu unterbinden“, echauffierte er sich. „Sie verleugnen die Opfer alliierter Kriegsverbrechen, sie verachten die Gefallenen des eigenen Volkes. Deshalb ist der Trauermarsch hier in Dessau nicht nur unsere Ehrenbezeugung an die Toten unseres Volkes, sondern gleichzeitig auch Ausdruck unseres Protestes gegen die Diffamierung und die Instrumentalisierung deutscher Opfer“, lies Müller die Anwesenden wissen. „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, Tradition ist das Weitergeben des Feuers“, bediente sich der Neonazi abermals eines Zitates des englischen Staatsmannes, humanistischen Autors und Anhänger der römisch-katholischen Kirche Thomas Morus. Müller fuhr abschließend fort: „Dieses Feuer, dessen können sich die Gefallenen der Stadt Dessau sicher sein, brennt in jedem einzelnen von uns, Kameradinnen und Kameraden.“

„Hoffen wir, dass wir die Fahnen bald gegen andere eintauschen dürfen“

Die letzten Worte hielt der Hildesheimer DieterRiefling zur zweiten Zwischenkundgebung. „Der Ruf an die deutsche Jugend gilt: Ewig lebt der Toten Tatenruhm“, so der Niedersachse. Mit der Anweisung: „Die Fahnen senkt!“ leitete der Neonazi eine Schweigeminute und das Ablegen des Kranzes ein. „Die Fahne hebt!“ erschallte es kurz darauf. Die laut eigener Auflagen der Organisationsleitung einzig zugelassenen schwarzen Fahnen, so Riefling, seien die „Fahnen der Trauer und der Not für die Toten des vergangenen Krieges und für die Gegenwart, die wir erdulden müssen.“ Der Neonaziredner schloss das Gedenkzeremoniell am Friedhof III ab mit: „Hoffen wir, dass wir die Fahnen bald gegen andere eintauschen dürfen.“ Danach setzten sie ihren Weg bis zum Bahnhof Süd fort.

Die „Freien Nationalisten Dessau / Anhalt-Bitterfeld“ haben den Trauermarsch anlässlich der Bombardierung der Stadt Dessau am 07. März 1945 mittlerweile zu einem festen Termin im Kalender der Neonaziszene gemacht. Sie planen auch in den kommenden Jahren den Gefallenen des NS-Regimes in der Muldestadt zu gedenken. Bis 2015 ist der Aufmarsch bereits im Voraus angemeldet. In den letzten Monaten ist in der Region Anhalt vermehrt ein gemeinsames Agieren über Partei- oder Organisationsgrenzen hinweg zu beobachten. Vom Bund der Vertriebenen und der DVU (Deutsche Volksunion) bis hin zu den Neonazikameradschaften steht die Rechte vor Ort zusammen. Mit Carola Holz als Anmelderin und Integrationsfigur bleiben den Organisatoren des hiesigen Aufmarsches jedoch einige Teile der Neonaziszene als Unterstützer verwehrt. Nachdem Holz im September 2008 als Landesvorsitzende der NPD-Sachsen-Anhalt mit  sieben von neun Vorstandmitgliedern zurücktrat, hat sich ihre Bedeutung in der überregionalen Szene stark vermindert. Obwohl die „Freien Nationalisten Dessau / Anhalt-Bitterfeld“ in Vergangenheit mehrfach versucht haben, an die großen Aufmärsche wie z.B. Magdeburg anzuknüpfen. Innovative Ideen im Kontext des Aufmarsches in der Landeshauptstadt, wie Solidaritätskundgebungen im Vorfeld, veranstalteten die Neonazis um Holz in diesem Januar als einzige im Bundesland. Die Unterstützung der Magdeburger „Initiative gegen das Vergessen“ und manch anderer Strukturen innerhalb der Szene blieb ihnen für den diesjährigen Aufmarsch in Dessau-Roßlau aber dennoch verwehrt.

||Infothek, 19. März 2010||
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