12. März 2010 / Stendal: AN-Trauermarsch

„Wir stehen heute hier, um genau diesen Opfern würdig zu gedenken“

Etwa 80 Neonazis veranstalten alles andere als einen „würdevollen“ Trauermarsch // Gegenproteste erzwingen massive Verkürzung der rechten Aufmarschroute

Bei den gegenwärtig inflationären Ankündigung neonazistischer „Trauermärsche“ wollten sich die Neonazis auch in Stendal in diesem Jahr nicht lumpen lassen. Unter dem Motto: „Gegen das Vergessen“ meldeten der Altmärker David K. im Namen der „Autonomen Nationalisten Stendal“ und der Magdeburger Fabian T. im Namen der „Freien Kräfte Magdeburg“ einen etwa 4,5 Kilometer langen Aufzug für den 12. März 2010 durch Stendal an. Die Resonanz der Neonaziszene blieb dabei sehr verhalten, was wohl auch an der quasi nicht stattgefundenen Mobilisierung gelegen haben könnte. Dafür versammelten sich bei drei Gegenveranstaltungen mehrere hundert Menschen in der Stadt. An einem Friedensgebet in der Marienkirche sollen 250 Menschen teilgenommen haben, einer öffentlicher Stadtratssitzung wohnten 400 Gäste bei und an einer Kundgebung der linken Szene unterstützten nach Polizeiangaben 90 Personen. Nach starken Protesten mussten die Neonazis bereits nach nicht einmal 200 Metern einen Zwischenstopp einlegen. Nachdem die Polizei den sicheren Ablauf der Veranstaltung nicht mehr gewähren konnte, wurden die Rechten angehalten, sich mit einer kurzen Runde von etwa 800 Metern im Bahnhofsviertel zufriedenzugeben.

Gerade einmal 80 Teilnehmer folgten dem Aufruf der „Autonomen Nationalisten Stendal“ in den frühen Abendstunden durch die Altmarkstadt zu marschieren. Nachdem von den Veranstaltern bereits am Sammelpunkt – vor dem Bahnhof – die ersten Teilnehmer aussortiert wurden, weil diese mit Bierflasche in der Hosentasche und Kräuterschnaps in der Hand anreisten, wurde nochmals eindringlich zur „Disziplin“ aufgerufen. Die Stimmung schlug erstmals um, als eine Gruppe Antifa-Aktivisten sich dem Bahnhof näherte. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten der Neonaziszene bei „Trauermärschen“, wurden hier zunächst gegenseitig lautstarke Unmutsbekundungen ausgetauscht. Die Gegendemonstranten hatten von 16.00 bis 18.00 Uhr eine Kundgebung unter dem Motto: „Dem Geschichtsrevisionismus ein Ende setzen – Antifaschismus durchsetzen“ veranstaltet. Nach Beendigung dieser wurde versucht den Aufmarsch der Neonazis im Stadtgebiet zu stören.

Bereits beim ersten Zwischenstopp nach etwa 200 Metern resignierte die Polizei. Nachdem es nahe der Aufmarschstrecke der Rechten zu Ansammlungen von Nazigegnern und auch einzelnen Steinwürfen kam, entschied die Polizeiführung den Aufzug massiv zu verkürzen. Aus der Strecke vom Bahnhof, zum Schützenplatz und zurück sollte demnach nichts mehr werden. Auf kürzester Strecke, einmal ums Karree, durften die „Autonomen Nationalisten“  den Weg Richtung Bahnhof wieder antreten. Herrschen bei „Trauermärschen“ der Neonaziszene zumeist eine strikte Forderung nach Ordnung und Disziplin, um ein angemessenes Bild abzugeben, so vermochten die Veranstalter dem Anspruch an diesem Abend in Stendal nicht mehr gerecht werden.

Die Stimmung der wenigen rechten Teilnehmer war hoch emotionsgeladen und wurde von den Anmeldern selbst mit den typisch kämpferischen Demosprüchen angeheizt. Mit Kampfansagen gegen die BRD, über: „autonom, militant, nationaler Widerstand“, antisemitische Verbalausfälle gegen Israel bis zur Forderung nach „Nationalem Sozialismus“ wurde auf den bereits dunklen Straßen von Stendal klargestellt: „Hier marschiert der nationale Widerstand!“ Wenn dann noch einer der Anmelder den Gegendemonstranten per Megaphone zurief: „Eure Kinder werden so wie wir!“, „Ey, ihr Zecken, eure Eltern sind Geschwister!“ und die weiteren Teilnehmer mit Sprüchen wie „Antifa – Hurensöhne!“ aufwarten, erzeugte die Forderung: „Bürger lasst das Glotzen sein – auf die Straße, reiht euch ein!“ nur noch verhaltenes Schmunzeln bei den umher stehenden Passanten.

Per Megaphone versuchte der Anmelder David K. in einer mehr als holprigen Ansprache von einer Minute und 15 Sekunden die Bombardierung der Stadt Stendal im Zweiten Weltkrieg zu thematisieren. „Wir stehen heute hier als aufrechte Deutsche, um klar zu sagen: Unsere Mitmenschen fielen feigen Mörderbanden zum Opfer. Und wir stehen heute hier, um genau diesen Opfern würdig zu gedenken“, so David K. abschließend.

Auf dem Internetblog der „Autonomen Nationalisten Stendal“ verkünden diese im Nachhinein, der „Trauermarsch … entpuppte sich leider als Misserfolg, welcher durch eigene fehlgeschlagene Organisation zu werten ist.“ Aber auch mit einem konstatierten „Misserfolg“ können sich die „Autonomen Nationalisten“ zufriedengeben, schließlich, so schreiben sie weiter, hat die „Teilnehmerzahl … unsere Erwartungen vollständig erfüllt und lässt uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.“

||Infothek, 19. März 2010||
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