30. Dezember 2009 / Gardelegen: Jahresabschlussdemo

„Wir sind bereit und in der Lage, die Führung des deutschen Volkes an uns zu reißen!“

Knapp 180 Neonazis zur Jahresabschlussdemonstration in der Altmark // extrem völkische, rassistische und entschlossene Träumereien vom Ende der Moderne // 300 Gegner aber keine Blockade möglich

„Wir haben uns heute hier in Gardelegen versammelt, um unsere alljährliche Abschlusskundgebung in der Altmark unter dem Motto ‚Demokratie gleich Volkstod‘ zu verrichten“, verkündete der Tangerhütter Stadtrat Heiko Krause am Mittag auf dem Vorplatz des Gardelegener Bahnhofs. Werbung für den vom NPD-Kreisvorsitzenden Kai Belau im Namen der „Freien Kräfte aus der Altmark“ angemeldeten Aufmarsch suchte man im Vorfeld des Termins vergeblich. Etwa 180 Neonazis aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Niedersachsen fanden dennoch den Weg in die zugeschneite Stadt in der Altmark. Als Redner auf der Neonaziveranstaltung traten Dieter Riefling aus Hildesheim in Niedersachsen und der als „Leipziger Kamerad“ angekündigte  David Dschietzig auf.

„Das allgemeine Recht auf Demonstrationsfreiheit macht solche Märsche … möglich“

Erst sachsen-anhaltische Medien machten den Termin im Vorfeld öffentlich, woraufhin sich in der Stadt der Gegenprotest unterschiedlicher Akteure unter Federführung der Mahn- und Gedenkstätte „Isenschnibbener Feldscheune“ organisierte. An der Protestveranstaltung auf dem Rathausplatz nahmen Medienberichten zufolge etwa 300 Menschen teil. „Wir sind verpflichtet, zu zeigen, dass Gardelegen weltoffen ist und für Demokratie steht. … Für Rassismus und Fremdenhass ist bei uns kein Platz „, wird der Gardelegener Bürgermeister Konrad Fuchs zitiert. „Demokratie muss viel aushalten. Das allgemeine Recht auf Demonstrationsfreiheit macht solche Märsche der Rechtsextremisten wie den heutigen durch Gardelegen möglich. Doch gleichzeitig können Sie alle auch von Ihrem Recht Gebrauch machen und zeigen, dass Sie sich diesen Kräften entgegenstellen“, so Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann, der sich seit längerem offen ein Verbot der NPD stark macht. Etwa 400 Polizeibeamte sorgten dafür, dass der Aufmarsch der „Volksgenossinnen und Volksgenossen“ nicht von Gegenprotesten blockiert oder gestört werden konnte.

„Das deutsche Volk … hat nicht aufgehört zu kämpfen“

Bei der ersten Zwischenkundgebung auf dem Holzmarkt sprach als Hauptredner der Demonstration der Neonazi Dieter Riefling. Für ihn ist es „schon fast zu einer Tradition geworden, dass wir aus Niedersachsen hier in die Altmark kommen, um am Ende eins Kampfjahres einen würdigen Abschluss zu finden.“ Zur Erläuterung des Mottos „Demokratie gleich Volkstod“ meinte der Neonazi: „Die Herrschenden, die Vasallen von US-Israel, die momentan in Berlin residieren, rotten ihr eigenes Volk aus, um jenen dienen zu können, die ich an dieser Stelle als staatenlose Plutokraten bezeichnen möchte. … Als 1945 unsere deutsche Wehrmacht sich ehrenvoll einem überlegenem Feind ergeben musste, so war das nur der bewaffnete Arm des deutschen Volkes. Das deutsche Volk – und das zeigt der Aufmarsch heute hier in Gardelegen aufs Neue – das deutsche Volk hat nicht aufgehört zu kämpfen um seine Freiheit und seine Zukunft“, machte Riefling die Tradition der von ihm verehrten nationalsozialistischen Wehrmacht bis in die heutige Neonaziszene unmissverständlich deutlich.

„…genauso wenig kann man aus einem Neger einen Deutschen machen“

„Wir sind die letzten, die die Fahne hier im Vaterlande noch hochhalten. Wir sind der Beginn einer neuen Massenbewegung. …  Die Masse dessen, was sich noch Deutsche nennen darf, ist dabei umzuschwenken, wegzugehen von dieser Spaßgesellschaft, von dieser Ellenbogenpolitik. Sie suchen eine Heimat in einer neuen Volksgemeinschaft“, ließ Riefling die anwesenden Neonazis und die Anwohner hinter den Gardinen wissen. Der Neonazi betonte zudem, „nicht von irgendwelchen eingebürgerten Plastik-Deutschen“ zu reden, wenn es um die propagierte „Volksgemeinschaft“ gehe. Wie man „an den Käfig eines Spatzen nicht Nachtigall dran schreiben“ könne „und dann hoffen, dass er abends schön aus dem Walde singt, … genauso wenig kann man aus einem Neger einen Deutschen machen“, stellt er noch einmal die rassistisch-völkischen Ideologien der extremen Rechten klar.

„Die Erhaltung unserer Art ist gefragt“

„Wir müssen die Politiker austauschen, bevor sie unser deutsches Volk austauschen“, forderte Riefling und sieht einen „nationalen Widerstand in Deutschland …, der bereit ist die Führung zu übernehmen all derer, die noch bereit sind, sich zu ihrer Heimat, zu ihrer Nation und zu ihrem Blut zu bekennen. Wir sind bereit und in der Lage, die Führung des deutschen Volkes an uns zu reißen. … Die Repressionen dieses faschistischen Staates hindern noch die meisten daran, ihr kleines Spießerglück in die Waagschale zu werfen. Wir haben uns schon längst von dieser Gesellschaft verabschiedet und haben schon im Kleinen den kleinen Kosmos Volksgemeinschaft gegründet“, versuchte Riefling die eigenen Szene als Avantgarde eines nahe bevorstehenden Umsturzes darzustellen. Auch auf einen Verweis auf Charles Darwin konnte er nicht verzichten als er weiter polemisierte: „Wir kämpfen letztendlich in diesem Jahrtausend um die deutsche Substanz. Die Erhaltung unserer Art ist gefragt. … Jede Art hat ihr Recht auf Überleben. Aber man muss auch dafür kämpfen, um in der Natur – in dem harten Ringen – überleben zu dürfen.“

„Wenn der Sieg errungen ist…

… kommt der Wohlstand von alleine im deutschen Volke. … Dann wird deutsches Geld wieder dafür eingesetzt, dass deutsche Familien wieder sicher und glücklich in einem freien, nationalen und sozialistischen Deutschland leben können“, ist Riefling sich sicher. Außerdem sei der verhasste  „Kapitalismus … ein morsches Gebäude, das bereits am einstürzen ist.“ Andererseits würden „die Kapitalisten der Ostküste, diese staatenlosen Plutokraten … immer wieder neue Kriege vom Zaun brechen, um ihre Waren an die Völker verscherbeln zu können.“ Seiner Meinung nach war dies auch der Grund für zwei Weltkriege: „So war es auch in Europa im ersten und im zweiten Weltkriege, wo diese dunklen Mächte zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen haben, um wieder nach der Zerstörung neuen Aufschwung propagandieren zu können, um ihre Geldsäcke weiter füllen zu können. Die eigentlichen, die ihnen dabei im Wege gestanden haben, war das treue freie Volk der Deutschen in der Mitte Europas, von dem schon immer der Freiheitswillen und der einzige packende Widerstandswillen gegen die dunklen Mächte ausgegangen ist“, ließ Riefling seinen Verschwörungstheorien freien Lauf. „Und dieser Krieg ist noch nicht zu Ende – wir werden weiter kämpfen!“, kündigte er daraufhin noch an.

„Aus tausenden werden zehntausende und aus zehntausenden werden hunderttausende deutsche Volksgenossen, die … den Kampf aufnehmen werden“

„Die frohe Botschaft für das deutsche Volk“ hatte der Neonazi aber auch noch zu verkünden: „Wir als nationale Sozialisten erkämpfen die Freiheit, Arbeit, Recht und Brot für alle Deutschen, die es wert sind heute sich noch dazu auch zu bekennen und diesen Namen auch noch verdienen. … Wir lassen uns von nichts und niemandem mehr aufhalten. Aus tausenden werden zehntausende und aus zehntausenden werden hunderttausende deutsche Volksgenossen, die mit dem Schrei nach Freiheit den Kampf aufnehmen werden. Irgendwann wird der Repressionsapparat dieses faschistischen Systems auch hier versagen“, ist sich Riefling dem Ende der Demokratie gewiss. „Und dann wird das deutsche Volk so wie hier in Mitteldeutschland 1989 mit den Füßen abstimmen. Und dann werden die Straßen voll sein und der Ruf wird ertönen: ‚Raus zur Wehr deutsches Volk – raus zur Wehr, erhalte dein Blut – kämpfe für deine Freiheit‘ – denn wir lassen uns nicht BRDigen“, beendete Riefling seine Ausführungen auf dem Gardelegener Holzmarkt.

Von „parlamentarischen Gaunern“, „Mischgesellschaft“ und „volkstümlichen Lebensweisen“

Wenige hundert Meter weiter hielt David Dschietzig vom „Freien Netz“ eine Rede auf der zweiten Zwischenkundgebung an diesem Tag. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, so tönt es in der Demokratie“, begann der auch für die NPD aktive Neonazi seinen zumeist abgelesenen Redebeitrag. Seiner Meinung nach gehe die Staatsgewalt jedoch von „parlamentarischen Gaunern“ aus, „die sich dazu anmaßen, ihre verfehlte Politik mit dem Etikett ‚im Namen des deutschen Volkes’ zu schmücken, dabei aber eher den Weisungen ihrer Vorgesetzten aus Brüssel folgen und als Funktionäre in der Wirtschaft gleichzeitig nur ihre eigenen kapitalistischen Interessen vertreten.“ „Das Volk in diesem Lande“ sei Dschietzig zufolge „eine Mischgesellschaft, aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und Rasse“ und  „eine willkürlich zusammengesetzte Ansammlung von Menschen unterschiedlichster Herkunft“, die nicht in der Lage sind, „sich auf ein Gesamtinteresse zu einigen, welches die Politik als Leitmotiv bestimmen soll.“ „Das deutsche Volk … sitzt vor dem Fernsehbildschirm und … vergisst seine eigenen volkstümlichen Lebensweisen, die sie überhaupt erst zu Deutschen macht“, schimpfte der Neonazi über seine bundesdeutschen Mitbürger.

Von „Volksdeutschen und Passdeutschen“

Der junge Neonaziaktivist wetterte außerdem darüber, dass „vor allem akademisch ausgebildete Frauen … in diesem Land, sofern sie nicht eh schon auswandern, oftmals ganz ohne Kinder“ bleiben würden und Deutschland somit zum „geburtenschwächste Land Europas“ machen würden –„anstatt „unser Volk durch die Weitergabe ihres Erbgutes am Leben zu erhalten“. Denn flexibel für die „modernen kapitalistischen Sklaverei“ könne nur sein, wer „nicht durch Kinder, Familie, Haus, Hof an seine heimatliche Scholle gebunden ist, sondern wie ein Nutzvieh von einem Standort zum nächsten getrieben wird, um dort ein Leben zu fristen, das sich ausschließlich um Konsum und Lustprinzip dreht“, so Dschietzig. Er kritisierte Kitas, „wo deutsche Kinder oftmals zusammen mit einer immer größer werdenden Zahl an Migrantenkindern“ zusammenkommen müssten, sowie die fehlende Unterscheidung  „zwischen Volksdeutschen und Passdeutschen“, wie er und seine „Volksgenossen“ es sich wünschen würden.

Vom „Volksstaat, in dem nur die besten Volksgenossen zu Führern werden können“

„Die Deutschen sollen einfach ausgetauscht und durch eine Masse von Weltbürgern ersetzt werden. Das und nichts anderes ist das Ausmaß von 60 Jahren Demokratie. Das Volk … wird verblödet, wird der Kultur entfremdet und in seiner Substanz zerstört“, polemisierte Dschietzig weiter. Außerdem sollten sich die an dieser Stelle abwesenden „Bürger von Gardelegen“ entscheiden, ob sie in „einer Diktatur des anonymen Geldes, der Masse und des Profits leben möchten“ oder „in einem Volksstaat, in dem nur die besten Volksgenossen zu Führern werden können“.

„Leben heißt kämpfen!“

„Wann begreift der deutsche Michel endlich, dass man sich das Recht auf Zukunft nicht wählen kann, sondern erkämpfen muss? Wir stehen schon längst im Kampfe gegen dieses System, egal ob der Kampf auf der Straße, der Kampf in den Köpfen oder der ganz alltägliche Kampf. Leben heißt kämpfen! Denn wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt unser Volkstum dem Untergang entgegen geführt wird, dann ist die Rebellion eines jeden Angehörigen unseres Volkes, nicht nur Recht sondern auch Pflicht“, betonte der Redner abschließend nochmal den revolutionär-kämpferischen Habitus, den die Szene gern vor sich her trägt. „Die Idee einer lebensgesetzlich richtigen Ordnung, in der das Volk wieder zum zentralen Gegenstand einer jeden politischen Überlegung wird“ sei „die Idee mit dem Namen: Nationaler Sozialismus!“

„Wir werden nicht aufhören weiterhin die Fahne hochzuhalten“

Wieder am Bahnhof, dem Endpunkt der Demonstration angekommen, wurden noch zwei Werbeblöcke für kommende Aufmärsche platziert: „Wir werden nicht aufhören weiterhin die Fahne hochzuhalten für unser deutsches Volk“, so Jens Bauer im Namen der „Initiative gegen das Vergessen“, als er bekannt gab, „dass am 16. Januar 2010 in Magdeburg wieder den zivilen Opfern, den Kinder, den Greisen, des alliierten Bombenangriffs auf Magdeburg gedacht wird. … Wir sind die, die hier in diesem kranken System namens BRD die Fahne – unsere Fahne und unsere Idee eines neuen Deutschlands bereithalten und damit müssen wir auch die Geschichte für immer hochhalten“, erklärte Bauer sein Anliegen .

„… damit wir weiterhin einen Meilenstein zu unserem Sieg setzen können“

Für den zweiten Werbeblock griff noch einmal Dieter Riefling zum Mikrofon: „Die Überfremdung, der nahende Volkstod geht uns alle an“, so Riefling, der einen Aufmarsch am 5. Juni in Hildesheim plant. „Die Initiative ‚Zukunft statt Überfremdung‘ ist eine Kampagne freier norddeutscher Aktivisten  und wir wollen darauf hinweisen, dass wir nicht nur auf die Straße gehen und uns beschweren, wenn irgendwelche multikriminellen Banden deutschen Volksgenossen auf offener Straße auflauern oder sonst wie Verbrechen begehen…. Wir wollen grundsätzlich darauf hinweisen, dass die etablierten Systempolitiker, die Vasallen der dunklen Hintergrundmächte, mit dem Import millionen kultur- und artfremder Menschen unser Volk dem Tode nahebringt“. Er nutzte die Gelegenheit vor der Beendigung der Veranstaltung, um die Unterstützung aller Anwesenden für die völkische Kampagne einzufordern: „Diese Kampagne ist also nicht nur unsere, sondern sollte euer aller Kampagne sein. Ich fordere euch also auf und hoffe auf eure starke Unterstützung, damit wir weiterhin einen Meilenstein zu unserem Sieg setzen können.“

Mitorganisator Heiko Krause beendete die Veranstaltung mit dem Verweis, dass am Lautsprecherwagen noch Verpflegung und Tee verteilt werden.  Außerdem erbittet er von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern abschließend noch eine “Gabe“, um die Kosten für Technik und Sprit zu decken.

||Infothek/Januar 2010||
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  1. 1 Januar 2010 « Infothek-Dessau.de

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