15. November 2009 / Friedrichroda: „Heldengedenken“

15. November 2009 / Friedrichroda: „Soldaten der Waffen-SS, ich rufe euch!“

NPD-Gotha will die „Gefallenen des letzten großen Krieges“ in ihre Reihen zurückrufen // erstmals Protest gegen alljährliches NS-Zeremoniell in der Kleinstadt

Am 15. November 2009 zogen 120  – laut Angaben der Polizei und der Veranstalter 140 –Neonazis durch den „staatlich anerkannten Luftkurort“ Friedrichroda im thüringischen Landkreis Gotha. Unter dem Motto „Heldengedenken an die Gefallenen beider Weltkriege“ meldete erstmals der gegenwärtige Kreisvorsitzende der NPD-Gotha und Vorstandsmitglied der Landes-NPD, Sebastian Reiche für den Kreisverband den Aufmarsch an. In den zurückliegenden Jahren trat der Friedrichrodaer Michael Burkert für den Kreisverband noch als Anmelder für den Fackelmarsch auf, der sich bereits zum siebenten Mal jährte. Nachdem in den ersten Jahren noch sehr wenige Teilnehmer zu dem extrem rechten Gedenkschauspiel in Thüringen anreisten, waren seit 2007 stets bis zu 140 Neonazis dem Aufruf gefolgt, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Erstmals gab es in diesem Jahr eine Gegenveranstaltung zu dem Neonazi-Fackelmarsch. Das „Antifa-Bündnis Gotha“ veranstaltete eine Demonstration unter dem Motto: „Heldengedenken – nicht mit uns“. Dem Aufruf zum Protest gegen das alljährliche NS-Schauspiel folgten nach Angaben der Veranstalter 150 Teilnehmer. Beide Veranstaltungen seien Polizeiangaben zufolge ohne nennenswerte Störungen von statten gegangen, der Versuch einer Blockade am Denkmal für gefallene deutsche Soldaten, dem Zielpunkt der Neonazis, konnte nicht umgesetzt werden.

„…wie die Assis rumgrölen […] Nachher kommen die Rechten – die sind ganz leise.“

Wie auch im letzten Jahr versammelten sich die Neonazis um Sebastian Reiche mit anbrechender Dunkelheit gegen 16.30 Uhr am REWE-Parkplatz nahe dem Bahnhof und zogen anschließend stillschweigend durch die zu dieser Zeit wenig belebten Straßen der Innenstadt bis zum Gefallenen-Denkmal. Von ihren Fenstern aus verfolgten einige Kleinstadtbewohner die Veranstaltungen. Ein Anwohner erregte sich über die Protest-Demonstration, die erstmals ein Zeichen gegen die jährlich wiederkehrende NS-Glorifizierung in Friedrichroda setzte, weil die Gegendemonstranten „wie die Assis rumgrölen.“ Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre wusste er sich und seine Nachbarin zu beruhigen mit: „Nachher kommen die Rechten – die sind ganz leise.“

„…natürlich weiß jeder von Euch warum wir hier stehen und warum wir unseren Toten ehrenvoll gedenken.“

Auf den letzten Metern zum Denkmal hinauf entzündeten die Neonazis ihre Fackeln, die sie mit sich trugen und stellten sich im Halbkreis um den Gedenkstein auf. Einem von Sebastian Reiche vorgetragenen Gedicht des gefallenen Freiwilligen aus dem ersten Weltkrieg, Walter Flex folgte eine Rede von Tobias Kammler aus Bad Salzungen. Der Student sitzt für die NPD im Kreistag des Wartburgkreises und ist im Landesvorstand Thüringen als Leiter des Referates Recht und Justiz aktiv. Kammler „hatte […] ehrlich gesagt Schwierigkeiten vernünftige Sätze zu formulieren, die für die Zuhörer interessant sein könnten“, wie er selbst sagte. „Denn natürlich weiß jeder von euch warum wir hier stehen und warum wir unseren Toten ehrenvoll gedenken.“ Er ließ sich ferner darüber aus, „dass ein ehrenhaftes Heldengedenken heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist“, was ihm abermals bewusst geworden sei, als er „heute morgen mit etwa zehn Kameraden, wie jedes Jahr an der städtischen Volkstrauertagveranstaltung in meiner Heimatstadt Bad Salzungen teilnahm.“

„Und dies […] ist traurige Wirklichkeit in einem System, […] das die großartigen Taten unserer Vorfahren als Verbrechen hinstellt.“

Dort waren seiner Ansicht nach die gefallenen Soldaten vom Bürgermeister der Stadt nur unzureichend erwähnt worden, „vielmehr sprach er von einem latentem Rechtsextremismus, von angeblichen geistigen rechten Brandstiftern, von angeblichen gewaltbereiten, so genannten Neonazis, die heute wieder Synagogen anzünden würden. […] Und er sprach von einer Kollektivschuld, die die Deutschen hätten für das Schicksal der Juden“, resümierte Kammler die Rede des Bürgermeisters. Kammler zeigte kein Verständnis für die Stolpersteine für deportierte und ermordete Juden sowie für die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus: „Eine solch schäbige Rede habe ich zum Volkstrauertag noch nie gehört […] Man hatte den Eindruck, dass dieser Mann weniger der Bürgermeister von Bad Salzungen wäre, als vielmehr der Bürgermeister von Jerusalem. Und dies […] ist traurige Wirklichkeit in einem System voller charakterloser Gesellen. In einem System, das die großartigen Taten unserer Vorfahren als Verbrechen hinstellt“ und das dem Wunschtraum von Kammler zufolge „untergehen wird“.

„…das ist die Bedeutung des Heldengedenkens für uns heute.“

„Es ist an uns“, mahnte der junge NPD-Aktivist, „den Opfern und Gefallenen unseres Volkes würdig zu gedenken, […] ihre Taten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, […] ihr Erbe anzutreten und ihre großartige Leistung weiterzuführen, […] Deutschland wieder frei zu machen von diesem ehrlosen Lumpensystem – das ist die Bedeutung des Heldengedenkens für uns heute.“ Wie „unsere Soldaten und Kämpfer […] unentwegt zu streiten, […] dafür muss jeder von uns bereit sein Opfer zu bringen“, beschwor er die Anwesenden.

„Der deutsche Soldat hat, getreu seinem Eid, […] für immer Unvergessliches geleistet.“

„Wir sind stolz darauf hier zu stehen, um die Leistungen vergangener Generationen für Deutschland zu ehren und zu würdigen,“ verlieh der Anmelder der Veranstaltung, Sebastian Reiche seinem Stolz über den Kampf deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen Ausdruck. Seit Beendigung seines Studiums an der TU Ilmenau ist er eigenen Angaben zufolge nun Diplom-Medienwissenschaftler und sitzt seit Juni 2009 für die NPD im Kreistag Gotha. Bis zur Landtagswahl am 30. August diesen Jahres erhoffte sich noch ein Landtagsmandat, um „den Versagerparteien gehörig Dampf machen“ zu können, wie er in einem Wahlwerbevideo verlauten ließ. Die NPD scheiterte in Thüringen jedoch knapp an der 5-Prozent-Hürde. „Stellvertretend für all jene, die im Kampf für Deutschland ihr Leben ließen,“ verlas Reiche im Fackelschein vor seinen  Kameraden in Friedrichroda den letzten Wehrmachtsbericht vom 09. Mai 1945: „Der deutsche Soldat hat, getreu seinem Eid, im höchsten Einsatz für sein Volk für immer Unvergessliches geleistet. Die einmalige Leistung von Front und Heimat wird in einem späteren gerechten Urteil der Geschichte ihre endgültige Würdigung finden,“ halluzinierte der NPD-Aktivist und ließ seinen Wunsch nach einer anderen Gesellschaftsordnung erkennen.

„Soldaten der Waffen-SS, ich rufe euch!“

Reiche stellte auch klar, dass für ihn und die Anwesenden die Soldaten des nationalsozialistischen Deutschlands unter Adolf Hitler im Mittelpunkt ihres Gedenkens stehen: „Kameraden, lasst uns nun gemeinsam die gefallenen Soldaten aller Waffengattungen des letzten großen Krieges mit einem lauten ‚Hier!‘ in unsere Reihen zurückrufen.“ In der weiteren mystisch anmutenden Zeremonie richtete Reiche seine Ansprache scheinbar gen Walhalla an die Gefallenen im Dienste des NS-Regimes und die real Anwesenden antworteten laut im Chor: „Soldaten des Heeres, ich rufe euch!“ „Hier!“ „Soldaten der Kriegsmarine, ich rufe euch!“ „Hier!“ „Soldaten der Luftwaffe, ich rufe euch!“ „Hier!“ „Soldaten der Waffen-SS, ich rufe euch!“ „Hier!“ „Soldaten des Volkssturmes, ich rufe euch!“ „Hier!“

„Stillgestanden!“ und das „Treuelied“ der SS angestimmt

Abschließend sangen die anwesenden Neonazis das Lied „Ich hatt` einen Kameraden.“ „Für die Gedenkminute: Mützen ab! Zum Gedenken an die gefallenen Helden unseres Volkes: Stillgestanden!“, tönte Reiche im Befehlston. Nach einem kurzen Gedenkmoment hieß es wieder: „Fahnen auf!“ „Und wir werden nun gemeinsam das Lied ‚Wenn alle untreu werden‘ singen“, ordnete der Aktivist an. Von extra verteilten „Merkblättern“ sangen die Anwesenden mehr oder minder einheitlich und aus Gründen mangelnder Textsicherheit recht zaghaft. Das Lied ist 1814 von Max von Schenkendorf geschrieben worden und später im Nationalsozialismus von der SS als „Treuelied“ bei der Vereidigung neuer Rekruten gesungen worden. Unter anderem wurde dieses „Treuelied“ in der Nacht nach der Kapitulation vom 8. auf den 9. Mai 1945 von SS-Offizieren der Heeresgruppe Mitte in Böhmen angestimmt, bevor sie gemeinsam in den Freitod gingen. Der Mythos vom Opfer und Selbstopfer ist zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie und wird auch mit derartigen Heldengedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag von heutigen Neonazis als vorbildhaft glorifiziert und propagiert.




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  1. 1 November 2009 « Infothek-Dessau.de

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