14. November 2009 Wunsiedel: „Jürgen Rieger ist tot“

„Totenleite“ für Neonazi Jürgen Rieger an einer seiner juristischen Wirkungsstätten // Heß oder Rieger? – Gedenken für den „Stellvertreter“ zieht weniger Teilnehmer nach Wunsiedel als erwartet

Am 14. November 2009 fand im bayrischen Wunsiedel die bundesweite Gedenkfeier der NPD für den am 29. Oktober infolge eines Schlaganfalls verstorbenen stellvertretenden Parteivorsitzenden, mutmaßlichen Multimillionär und fanatischen Rassisten Jürgen Rieger statt. Rieger, der beruflich als Rechtsanwalt und zudem in Schweden als Bauer tätig war, wurde vor allem wegen seiner Immobilienkäufe für die Neonaziszene einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bereits vor der Gedenkveranstaltung war bekannt geworden, dass der 63jährige weder die NPD noch sonstige extrem rechte Organisationen in seinem Testament bedacht hatte, sondern ausschließlich seine vier Kinder. Inwiefern einzelne von ihnen in die politischen Fußstapfen des Vaters treten werden, ist bisher nicht bekannt. Der Verfassungsschutz Niedersachen hatte in den letzten Wochen betont: „Keines der vier Kinder von Rieger gehört der Szene an.“ Nach Angaben der taz fanden sich zwei von ihnen dennoch bei dem Marsch der Neonaziszene in Wunsiedel ein, zusammen mit Riegers letzter Lebensgefährtin.

„Wir gedenken dem Stellvertreter“

Möglicherweise waren die testamentarische Vernachlässigung der Szene, aber auch die szeneinterne Kritik an der NPD Gründe dafür, dass trotz massenhafter und teils weitschweifender Beileidsbekundungen im Internet letztlich weniger als 750 Neonazis nach Wunsiedel kamen, um der Trauerfeier für Rieger beizuwohnen. Nachdem sich die Familie des Neonazis gegen eine öffentliche Bestattung mit Massenauflauf entschieden hatte, meldete die NPD mit Bundesgeschäftsführer Klaus Beier eine Gedenkveranstaltung in Wunsiedel an. Die oberfränkische Kreisstadt war eine der wichtigsten juristischen Wirkungsstätten Riegers, der dort jährliche Gedenkmärsche für den auf dem örtlichen Friedhof bestatteten Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß durchzusetzen versuchte, letztlich letztinstanzlich erfolglos. Das Landratsamt Wunsiedel versuchte zunächst den Marsch zu verbieten, weil eine Gedenkveranstaltung für den Hitler-Stellvertreter befürchtet wurde. Der Bayrische Verwaltungsgerichtshof erlaubte die Veranstaltung jedoch am Abend vorher unter anderem unter der Auflage, dass Rudolf Heß keine Erwähnung finden dürfe. Dass die Szene dennoch nicht auf Anspielungen verzichtete, zeigte ein Transparent der „Nationalen Sozialisten Berlin“ mit der Aufschrift „Wir gedenken dem Stellvertreter, einem echten Freund und Kameraden, einem liebevollen Vater. Er tat seine Pflicht gegenüber seinem Volke, seine Pflicht als Deutscher, als treuer Gefolgsmann seines Eides.“ Damit könnte der verstorbene stellvertretende Vorsitzende der NPD ebenso gemeint gewesen sein wie der Hitler-Stellvertreter Heß.

Aus Sachsen-Anhalt waren mit Jens Bauer, Judith Rothe und Marcus Großmann einige ehemalige NPD-Landesvorstandsmitglieder nach Wunsiedel gekommen, zudem weitere Neonazis aus Halle, dem Saale- und dem Salzlandkreis. Zwei Busse mit Neonazis kamen aus der Altmark und dem Bördekreis, unter ihnen der langjährige freie und NPD-Aktivist Andreas Biere sowie dessen Lebensgefährtin, die NPD-Chefsekretärin Bettina Bieder. Der NPD-Landesvorstand glänzte mit Ausnahme von Rolf Dietrich durch Abwesenheit. Einige Neonazis des Freien Netzes Burg übernahmen unter dem NPD-Ordnungsleiter Manfred Börm Ordnerfunktionen während der Veranstaltung.

Nachdem alle Veranstaltungsteilnehmer durch die Vorkontrollen der Polizei am Versammlungsort angekommen waren und die Frage nach ausreichend nicht straf- und ordnungsrechtlich bedenklichen Ordner geklärt war, gab es einen kurzen Schweigemarsch durch ein Wohngebiet mit anschließender eineinhalbstündiger Trauerfeier. Ein Teil der auftretenden Redner versuchte mit persönlichen Erfahrungen die menschliche Seite Riegers herauszustellen, während andere kämpferisch vor allem dessen politisches Wirken würdigten und im Namen des toten Rieger den Kampfgeist der Hinterbliebenen zu beschwören versuchten.

Naumann: „Jürgen Rieger ist tot“

Die Gedenkkundgebung, die nur wenige hundert Meter von dem Friedhof entfernt stattfand, auf dem Rudolf Heß begraben ist, wurde von Peter Naumann geleitet. Naumann, der seit Anfang der 70er Jahre für die NPD/ JN aktiv ist, wurde Ende der 80er Jahre u.a. wegen eines Sprengstoffanschlages zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Er eröffnete die „Totenleite“ und moderierte die zahlreichen Gedichte, Reden und sonstigen Beiträge, die zu Ehren von Jürgen Rieger vorgetragen wurden: „Jürgen Rieger ist tot. Ein deutsches Herz hat für immer aufgehört zu schlagen. Jürgen Rieger ist tot. Seine Ehre hieß Treue, Treue zu Volk und Vaterland. Jürgen Rieger ist tot. Doch solange es Menschen deutscher Art gibt, solange lebt sein Erbe weiter.“ Er begrüßte die anwesenden Familienangehörigen von Rieger, die beiden angereisten Vertreter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, NPD-Stadt- und Kreisräte und Freunde und Weggefährten von Rieger von „nah und fern.“ Er lobte Rieger als „aufrechten und geradlinigen deutschen Manne, … dessen innere und äußere Haltung von Anständigkeit, Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit, charakterlicher Integrität, Sauberkeit, unermüdlichem Fleiß … gekennzeichnet war, [und der] in  Zielstrebigkeit und Treue zu seinen  Grundüberzeugung gestanden hat.“ Naumann beschrieb Rieger als „nicht pflegeleicht“, „kantig“ und mit der „Neigung auch zu polarisieren“ und ferner mit „einer ganz bestimmten Vorstellung, wie es mit unserem politischen Kampf weiterzugehen hat.“ Naumann war nicht der einzige an dem Tag, der auch stolz von eigenen Meinungsverschiedenheiten mit Rieger berichtete.

Bräuniger: „Der Blitz kann wohl die deutsche Eiche fällen“

Es folgte der aus Österreich stammende Publizist und NPD-Bundesvorstandsmitglied Andreas Thierry, der das Gedicht „Der Aufbruch“ des verurteilten Holocaustleugners Gerd Honsik rezitierte. Naumann las auch aus der Kondolenz des später noch persönlich auftretenden Eckart Bräuniger, einem „Lebens- und Kampfesgefährten“ von Rieger: „Der Blitz kann wohl die deutsche Eiche fällen, aber noch mit dem Fall drückt sie ihre Früchte in die Erde, dass daraus neue Stämme erwachsen.“ Im Fall von Jürgen Rieger könnten diese Früchte unter Umständen von ausschließlich ideeller Natur sein, wenn seine Kinder tatsächlich, wie vielfach in der Presse geschrieben, seine finanziellen Mittel und Immobilien nicht weiterhin als logistische Basis für Neonazis verschiedener Spektren zur Verfügung stellen wollen. Außerdem äußerte Naumann seine Freude über die Wertschätzung und die „äußerst faire Darstellung über das Leben und auch Leiden von Jürgen Rieger“ in der Nationalzeitung der DVU.

Wulff: „Ich kann heute hier keine Rede halten“

Als nächstes trat als einer der angeblich wichtigsten Wegbegleiter von Rieger und als einer der Hauptredner der Veranstaltung Thomas Wulff auf. Der Hamburger gehört ebenfalls dem Parteivorstand an und als derjenige, der statt den Notruf zu wählen, Rieger nach dessen Schlaganfall in seinem Privat-PKW selbst in das nächste Krankenhaus fuhr, stand er auch innerhalb der Szene in der Kritik. Mehrere Minuten lang versuchte Wulff auf der Bühne die Fassung zu gewinnen, bevor er einige Worte herausbrachte, die Rieger „für viele als Kameraden und für viele als mehr als das“ charakterisieren sollten und darüber dass nichts was er sagen könnte, der Persönlichkeit Riegers gerecht würde. Er weinte offen, möglicherweise auch um die geplatzten nationalen Umsturzhoffnungen, die auf Riegers Geld und seine Persönlichkeit gebaut waren und verabschiedete sich: „Diese Lücke ist nicht mehr zu füllen. Als ich ihn da liegen sah und ihm die Hand gab, da dachte ich, ich muss sterben. Ich kann  heute  hier keine Rede halten.“
Die neue Vorsitzende des Ringes Nationaler Frauen, Edda Schmidt, sagte danach ein Gedicht des NS-Dichters Heinrich Anacker auf.

Voigt: „Mit wem über seine Sorgen und Nöte reden?“

Es folgte Udo Voigt, der zunächst auf die seiner Meinung nach „unglaublichen Vorgänge“ im Vorfeld verwies, die in Form des Verbotsversuches und der Vorkontrollen Zeichen von „einer kranken Gesellschaft, … einem kaputten Staat“ seien. Als ehemaliger Bundeswehrhauptmann wähnte er sich und seinesgleichen bereits im Krieg, wenn er anprangerte: „In allen Kriegen, an allen Fronten ist es normal, dass in Zeiten der Waffenruhe zwischen den Schlachten oder nach einer Schlacht auch dem politischen Gegner, ja selbst dem unterlegenen politischen Gegner die Möglichkeit eingeräumt wird, seine Toten zu bestatten, seine Verwundeten wegzunehmen und die Toten zu ehren. Aber was wir hier in Wunsiedel erleben, hat nichts mehr mit der Normalität zu tun.“ Auch die Teilnehmer einer Gegenkundgebung wurden von Voigt zur Kenntnis genommen: „Wenn dann unten in der Stadt Menschen standen, die „Nazis raus“ riefen, die Totenleite mit Trillerrufen und abscheulichen Sprüchen störten, dann kann ich nur sagen, das was da unten stand, war der Abschaum dieses Volkes auf die ich und wir ganz sicher nicht stolz sein können.“ Voigt beschrieb noch einmal den schon aus seiner Pressemitteilung bekannten Ablauf der Ereignisse und erwähnte abermals den harmonischen Verlauf der NPD-Vorstandssitzung nach dem zunächst von allen unbemerkten Schlaganfall des Querkopfes und Cholerikers Rieger sowie seinen letzten Händedruck.

Dann schilderte Voigt hölzern die Annäherung von Rieger an die NPD insbesondere seit der „Schandausstellung der Herren Reemtsma und Heer zur Verunglimpfung unserer Wehrmacht“ 1997. Rieger vermittelte demnach „Summen in sechsstelliger Höhe für den sächsischen Wahlkampf im Jahre 2004“ und trat 2006  in die Partei ein. Rieger spielte zudem eine wichtige Rolle beim Deutschlandpakt: „Er unterstützte dann 2004 noch als Nichtmitglied die Bestrebungen der Zusammenarbeit zwischen NPD und Deutscher Volksunion, welche dann am Gipfel der Gespräche zum Deutschlandpakt führte. Seine Vision war immer eine große nationale deutsche Rechtspartei. Als er dann aber 2008 und 2009 erleben musste, dass dies so wie 2004 angedacht nicht mehr umsetzbar war, war er konsequent genug sich dafür einzusetzen, dass dann der Vertrag mit der DVU aufgekündigt wurde.“ Auch sein gutes persönliches Verhältnis zu seinem „Freund und Kameraden“ Rieger versuchte Voigt herauszustellen: „Wenn man an der Spitze einer Partei steht, wenn man oben ist, ist man oft allein. Mit wem soll ein Parteivorsitzender sich aussprechen, mit wem über seine Sorgen und Nöte reden? Mit Jürgen konnte ich das alles und mich voll auf seine Diskretion verlassen, denn er war durch und durch ein Ehrenmann.“ Zum Abschluss seiner Rede versuchte der NPD-Vorsitzende den Verstorbenen, dieses „Vorbild an Einsatz und Pflichterfüllung“ noch zur Ikone zu stilisieren: „Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie, eins weiß ich das ewig lebt, der Toten Tatenruhm.“

Juchem: „Unsterbliche Rolle als Vorbild“

Es folgte Rechtsanwalt Wolfram Nahrath, der als letzter Bundesführer der 1994 verbotenen Wiking-Jugend angekündigt wurde, wiederum mit einem Gedicht. Auch Rieger war Mitglied dieser neonazistischen Jugend- und Lebensbundorganisation. Im Anschluss trat der Publizist Wolfgang Juchem auf, der Rieger pathetisch als „aufrechten Freiheitskämpfer“ und ein „im besten Sinne des Wortes … Anwalt des Rechts“ huldigte: „Das bessere, das anständige, das patriotische, das deutsche Deutschland dankt Jürgen Rieger für seinen unbeugsamen Einsatz, für seinen Mut, für sein Opfer und damit auch für seine jetzt unsterbliche Rolle als Vorbild für uns alle im weiteren Überlebenskampf des deutschen Volkes und des deutschen Reiches.“ Der nächste Redner Ralph Tegethoff betonte in seiner kurzen Rede seine persönlichen Erfahrungen mit Rieger, mit dem ihn sein Interesse für das Militär, Deutschland und das Deutsche Reich verband und er glaubt, wenn „wir eines Tages die Früchte unseres Einsatzes und unseres Kampfes ernten werden, … dann werden Namen von Männern wie Jürgen Rieger immer noch in aller Munde sein und im Gedächtnis unseres Volkes.“

Bräuniger: „Eine streitbare Wikingernatur“

Der im Frühjahr von seinem Posten als NPD-Generalsekretär zurückgetretene Eckart Bräuniger, der neuerdings offen als Voigt-Kritiker auftritt, huldigte Jürgen Rieger mit einem Opfertod-Gedicht des Nationalsozialisten Hans-Jürgen Nierentz, sowie mit den folgenden Worten: „Jürgen Rieger ist tot. … Für uns Berliner verkörperte Jürgen Rieger einen pflichtdurchdrungenen Hanseaten, eine streitbare Wikingernatur, … der nach guter deutscher Art hart zu seinen Feinden und warmherzig zu seinen Freunden war. … Er starb bei der Erfüllung eben dieser sich selbst auferlegten Ehrenpflicht noch lange bevor sein irdisches Dasein sonst das Ende gefunden hätte. Das macht sein Sterben so tragisch und so groß.“

Krebs: „Eine Welt der natürlichen Polyphonie“

Der in Kassel lebende Publizist Pierre Krebs ist Mitbegründer des „Thule-Seminars“ und engagierte sich mit Rieger zusammen in dessen „Artgemeinschaft.“ Er ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher ethnopluralistisch-rassistischer Schriften. Mit schnarrender Stimme, französischem Akzent und weit ausholenden Gesten würdigte er den Verstorbenen als Kämpfer und konsequenten Rassisten: „Dein Leben war Botschaft der einzigen Lehre, die einem Volk dazu verhilft ewig zu werden, die Lehre des Ethnos, die einen einzigen Universalismus kennt, den Universalismus der universalen Verschiedenheiten. Du bist, Jürgen, aber Botschafter des ethnischen Bewusstseins gewesen, inmitten einer Zeit des Ethnomasochismus. Du warst ein unermüdlicher Kämpfer für Recht und Wahrheit inmitten einer Zeit der Lüge und des Betruges. … Und dein starkes Leben ist das eines freien Geistes gewesen inmitten aber der geistigen Ruinen einer Welt der kulturellen Selbstbesudelung und der politischen Knechtschaft. Du warst aber einer der ersten, der erkannt hat, dass wir in dem gefährlichsten Strudel unserer Geschichte weggerissen zu werden drohen, innerhalb eines titanischen Kampfes zwischen Ethnosuizid und Ethnobewusstsein, der uns aber beweißt, dass einhundert bekennende Deutsche die zusammen finden, die zusammen halten, die zusammen widerstehen, entscheidend viel mehr bewegen als zehntausend Mutlose, die stillschweigend kapitulieren.“

Krebs zufolge war Riegers Leben „das eines Volkserweckers, eines Avantgardisten, eines Ideenzeugers,“ welcher der Meinung war, „dass die Würde des Menschen mit der Achtung seiner Andersartigkeit beginnt, und dass der Schutz der Andersartigkeit der Völker und der Kulturen die einzige wahre Grundlage für einen dauerhaften Frieden ist … in einer Welt der natürlichen Polyphonie.“ Er beendete seinen mit viel Pathos vorgetragenen Beitrag mit dem Aufruf an die anwesenden Nazis, im Namen von Rieger eine „deutsche Wut“ zu entfesseln, die gemeinsam mit anderen europäischen Kräften „diese Welt erneut auf das [rassistische] Fundament des Lebens stellen [wird],… denn es geht wie noch nie um das ewig rollende Rad unsere Rasse, aus dem das Werden unseres Geistes erneut geschehen muss.“ Seine Beschwörung der  trauernden Hinterbliebenen endete mit: „Entfesseln wir deshalb die ‚Furia Teutonica’ und …  lasst uns siegen!“

Nahrath: „Heil dir, ein letztes Mal“

Als nächstes verabschiedete sich der in Brandenburg lebende Rechtsanwalt Wolfram Nahrath „stellvertretend für den artverwandten Kreis der Rechtsanwälte“ von Rieger. Er schilderte dessen berufliches Engagement als Rechtsanwalt als politische „Berufung, für das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes, seines geliebten Volkes zu streiten. Er stand … für die Wahrheit auf, gegen das dichte Lügengespinst, all die Klitterungen, die Verzerrungen, die Verrisse, die Hetze gegen das eigene Volk, gegen all die Schmähungen unserer Nation und unserer Geschichte, die uns immer noch in fremdem Zaume halten, die unser deutsches Herz einmauern und unseren Stolz zu ersticken suchen.“ Auch diejenigen, gegen die das Wirken Riegers gerichtet war, erwähnte Nahrath in seiner Rede: „Feindlich gesinnte Menschen, die zur großen Schande unsere eigene Sprache sprechen, lassen seit Jahrzehnten ihre elenden Mühlen gegen die Gemeinschaft der Treuen und letztlich auch gegen die kleine Schar der Rechtswahrer mahlen. Verboten sogar noch im Tode, welch ein Gesindel.“ Nahrath beschrieb weiter, wie er als Jurastudent im gemeinsamen Büro von Rieger und dem 2003 verstorbenen Hans-Günter Eisenecker ein Praktikum absolvierte und ihm beide „Vorbilder an Mut und Selbstbewusstsein in meinem Beruf geworden“ sind. Im Namen neonazistischer Rechtsanwälte schwört Nahrath zum Abschluss: „Wir haben deinen Antrag zu Lebzeiten vernommen und schließen uns diesem auf Lebenszeit an. Heil dir, ein letztes Mal, heil dir, Jürgen Rieger, du Anwalt für Deutschland.“

Rennicke: „Massive Angriffe auch körperlicher Art“

Jürgen Rieger, der auch ein „Mann des deutschen Liedes, ein Mann des Gesanges“ gewesen sein soll, sollte auf der Veranstaltung umfassend gewürdigt werden. Um mit den Teilnehmern der Trauerfeier „zusammen einige wenige jener Lieder zu singen, gemeinsam zu singen, zumindest wollen wir es versuchen, die Jürgen Rieger von Herzen gern gesungen und geliebt hat,“ war nun ein Auftritt des „Barden“ Frank Rennicke angekündigt. Rennicke hatte jedoch andere Pläne. Statt Riegers Lieblingslieder zu singen, hielt auch er zunächst eine Rede, in der er Riegers politisches Wirken schweifte. Außerdem erzählte der bekannteste neonazistische Liedermacher, der auch im Mai 2009 für die NPD zur Bundespräsidentewahl antrat, dass er 1986 bei einem Treffen der Artgemeinschaft Rieger persönlich kennenlernte, dass er bei einer Tagungswoche in Österreich im Beisein Riegers seine Frau kennenlernte und er Rieger schätzen und „als Mensch auch zu lieben“ lernte. Vermutlich ungewollt charakterisierte er Rieger als den Schläger, als den ihn auch politische Gegner kennen gelernt haben: „Jürgen Rieger [hat] schon in jungen Jahren … mit den Alt-68ern harte Gefechte geführt und das waren nicht nur Gefechte mit dem Wort.“ Und: „Er war als Rechtsanwalt über Jahrzehnte tätig, mit massiven Angriffen auch körperlicher Art.“ Weil Rieger ein „brillanter Redner“ ebenso war wie ein „Mann von Zukunftsvisionen“ hielt es Rennicke für eine gute Idee, statt zu singen „die Gelegenheit auch hier wahrzunehmen, ihn auch einmal zu Wort kommen zu lassen.“ Dafür spielte er eine Rede ab, die Rieger 2007 bei einer Veranstaltung des Deutsch-Russischen Friedenswerks gehalten hatte.

Rieger: „Es war schon einmal möglich, aus einer 2,8%-Partei die größte und stärkste Partei Deutschlands zu machen“

In der Rede, die Jürgen Rieger nun postum auf seiner eigenen Trauerfeier hielt, ging es im Kern um seine außenpolitischen Visionen und mögliche Bündnispartner für die Zeit nachdem in Deutschland die Macht erlangt wurde. Und die innenpolitische Macht war für Rieger ein erklärtes und erreichbares Ziel: „Aber was ist, wenn wir jetzt einmal in Deutschland die Möglichkeit haben, in unserem Sinne zu gestalten? …. Dass das sehr rasch passieren kann, … das sieht man daran, dass 1928 die NSDAP 2,8 % hatte und fünf Jahre später war Adolf Hitler Kanzler. … Und ich will das … unseren Gegnern sagen, sie sollen sich nicht zu sicher fühlen, der Wind dreht sich, er wird sich auch wieder drehen und er dreht sich manchmal sehr schnell und dann weht ihnen plötzlich ein Sturm ins Gesicht, den sie vorher nicht gedacht haben. Und den anderen, den Verzagenden in unseren Reihen will ich sagen, es war schon einmal möglich, aus einer 2,8%-Partei die größte und stärkste Partei Deutschlands zu machen und das wird auch wieder möglich sein, vorausgesetzt verschiedene Dinge passen. Erstens unbedingter Einsatz, Pflichterfüllung, Einsatz für das Ganze, das deutsche Volk muss im Mittelpunkt stehen. Zweitens es muss eine Wirtschaftskrise großen Umfanges erfolgen… Wenn man meint, das sei heute nicht möglich, heute hätte man alles im Griff, ist es heute viel schneller möglich…“

Alle: „Deutschland über alles in der Welt“

Während der Verstorbene noch einmal seine Zukunftsvisionen unterbreitete, konnte viele Nazis ihre Tränen nicht mehr unterdrücken. Zum Abschluss der „Totenfeier“ wurde nun doch noch gemeinsam das Standartrepertoire an Heldengedenkliedern gesungen. „Der gute Kamerad“, „Wenn alle untreu werden“ sowie das „Lied der Deutschen in seinen drei Strophen“ wurden von den NPD-Funktionären auf der Bühne sowie den übrigen Teilnehmern davor mehr oder weniger wohlklingend zu Gehör gebracht. Ganz am Ende gab der Moderator Peter Naumann den Teilnehmern im Namen Jürgen Riegers noch folgenden Vers mit auf den Weg: „Was ich getan in meinem Leben, ich tat es nur für euch, was ich gekonnt hab ich gegeben, als Dank bleibt einig unter euch.“

Nachruf: „Bleibt einig unter euch

Dabei machte diese Trauerfeier auch gerade die Uneinigkeit der Neonazi-Szene sichtbar, innerhalb der NPD ebenso wie zwischen der NPD und den sogenannten freien Kräften. Eine spärliche Abordnung der sächsischen Landtagsfraktion, bestehend aus Andreas Storr und Arne Schimmer sowie eine gänzlich fehlende Abordnung aus Mecklenburg-Vorpommern machten noch einmal die Umstrittenheit des Verstorbenen auch innerhalb der NPD deutlich. Erst im Februar hatte Rieger bspw. seine Differenzen mit dem Schweriner Fraktionsvorsitzenden Udo Pastörs öffentlich gemacht. Sogenannte freie Nationalisten hielten in München und Arnstadt ihre Anmeldungen für ihre lange geplanten Heldengedenk-Demonstrationen aufrecht, auch in bewusster Abgrenzung zur Parteiveranstaltung. Auch die Jugendorganisation der NPD, die Jungen Nationaldemokraten waren in Wunsiedel nicht vertreten. Ursprünglich war für diesen Tag, den 14. November der JN-Bundeskongress angesetzt. Dieser konnte jedoch nicht wie geplant im thüringischen Pößneck stattfinden, weil die Stadtverwaltung die dortige Rieger-Immobilie vorerst versiegelt hatte. Für den Fall eines Verbotes der Rieger-Gedenkveranstaltung in Wunsiedel hatte ein Vertreter der NPD Thüringen eine Ersatzveranstaltung in Pößneck angemeldet. Mitglieder der JN Sachsen-Anhalt nutzten das freie Wochenende nun stattdessen für eine Paddeltour auf der Bode und gemeinsam mit Vertretern der JN Baden-Württemberg für Sightseeing und ein „Verbandsfreundschafts“-Treffen in Magdeburg.

Jürgen Rieger ist tot

Nun muss sich in der NPD vor allem der Flügel um den Vorsitzenden Udo Voigt um seine Führungsposition in der Partei Gedanken machen. Nach den enttäuschenden Ergebnissen im Superwahljahr 2009 kann die Partei nicht so weiter machen wie bisher. Ohne die Darlehen von Rieger fehlt ihr die finanzielle Sicherheit und mit seinem Tod fällt eine wichtige Integrationsfigur für die freien Kräfte weg. Ein toter Jürgen Rieger nützt der NPD nichts. Schon wenige Tage nach der Gedenkfeier waren der Nachruf und auch das Kondolenzbuch von der NPD-Internetseite verschwunden.

|| Infothek || 29.11.2009 ||



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