03.Oktober 2009/Bitterfeld: Nazis wollen alles

„Wir sind diejenigen, die die Demokraten bis aufs Mark erschüttern, wenn unsere Schlachtrufe durch die Straßen von Bitterfeld schallen.“

etwa 110 Spieler vom braunen Team „wollen alles“ // bunte Mannschaft mit weniger Resonanz als erwartet // Team Green stellt zahlenmäßig größte Mannschaft auf dem Platz

Mit dem sperrigen Motto “Laß dich nicht verarschen – Werde aktiv! Wir wollen alles! Freiheit, soziale Gerechtigkeit – Ein neues Deutschland!”mobilisierten für den 03. Oktober 2009 die „Freien Nationalisten aus Bitterfeld und Dessau“ zu einem Aufmarsch nach Bitterfeld. An der Veranstaltung des einschlägig verurteilten [Erst-*]Anmelders Per M. (mehr dazu hier…) und des Dessau-Roßlauer Neonaziaktivisten Alexander W. (mehr dazu hier…) nahmen bis zu 110 Personen aus der Region Anhalt, Burg, Mansfeld-Südharz, dem sächsischen Schkeuditz, Freiberg, Leipzig und Dresden, dem brandenburgischen Königs Wusterhausen und anderen Städten teil. An einer Antifa- und einer zivilgesellschaftlichen Bündnis-Demonstration nahmen jeweils bis zu 100 Personen teil. Eine Kundgebung der IG Metall wurde laut Polizeiangaben von bis zu 80 Teilnehmern unterstützt. Im Vorfeld des „Tags der deutschen Einheit“ versuchte die Polizei die Proteste gegen den Neonaziaufmarsch durch Kriminalisierung zu erschweren.

„Ich frag mich langsam auch, ob hier was los ist.“

Mit mehr als eine Stunde Verspätung startete der Aufmarsch der extrem rechten Anmelder nach 13.00 Uhr vom Bitterfelder Bahnhof durch die Innenstadt. Die „Freien Nationalisten“ aber wohl auch die Nazigegner hatten sich zweifellos mehr Unterstützer aus ihrem Lager an diesem Tag erhofft. „Ich frag mich langsam auch, ob hier was los ist“, war kurz vor Beginn des Neonaziaufmarsches von einem Polizeibeamten am Bahnhof zu vernehmen. Die Polizei war an diesem Tag wohl zahlenmäßig mit mehreren Hundertschaften der größte Player in der als Chemiestandort bekannten Stadt mit rund 15.000 Einwohnern. Bereits am Bahnhofsvorplatz versuchten Teilnehmer des rechten Aufzuges einen Fotografen zu bedrängen und einzuschüchtern und einen anderen durch einen Kopfstoß zu verletzen, sodass Polizeibeamten einschreiten mussten. Immer wieder versuchen Neonazis in der Vergangenheit kritische Beobachter am Rande ihrer öffentlichen Veranstaltungen einzuschüchtern und zu vertreiben. In Internetforen der Szene wird häufig gezielt dazu aufgerufen kritische Journalisten oder Gegendemonstranten anzugreifen oder sich im Nachhinein mit derartigen „Heldentaten“ gerühmt. Im Verlauf der Veranstaltungen sind laut Polizei noch zwei Anzeigen wegen Verwendung verfassungfeindlicher Kennzeichen (86a StGB) gegen einen Rechtsextremen und schwerer Körperverletzung gestellt worden. Ein  Nazigegner soll nach einen Polizeibeamten getreten haben, berichtet ein Polizeisprecher.

provokantes Ziel der Nazis – Sperre und Gefährdeansprache für Nazigegner

Die Demonstrationsroute der Neonazis um die ehemalige NPD-Landesvorsitzende Carola Holz sah vor bis zu einem Gedenkstein des im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar von Nationalsozialisten ermordeten Ernst Thälmann zu marschieren und dort eine Zwischenkundgebung abzuhalten. Wie auch schon im Jahr 2006 (mehr dazu hier…) stellte dies für linke Nazigegner eine besondere Provokation durch die extreme Rechte dar. Die Anmeldung einer Kundgebung durch die Linkspartei an diesem Platz ist von der Polizei im Vorfeld verboten worden. Auch anderweitig ist die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost im Hinblick auf die Gegenproteste aktiv geworden, so ist mehrere Tage vor dem 03.Oktober 2009 die Sperrung einer Internetseite erwirkt worden, auf der zum Blockieren, Stören und Verhindern des Neonaziaufmarsches aufgerufen worden ist.

Ferner erhielt die stellvertretende Versammlungsleiterin der Bündnisdemonstration am Vorabend des Samstages unerwarteten Besuch. Beamte der Kriminalpolizei sollen ihr vorgehalten haben, in „Vergangenheit im Zusammenhang mit Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung festgestellt“ worden zu sein. Auch auf Nachfragen sollen sie diese Vorhaltungen jedoch nicht weiter konkretisiert haben. Eine „Gefährdeansprache“ mit Androhung der „Gewahrsamnahme“ folgte für die gewählte Stadträtin, berichtet der Kreisverband der linken Partei. Neben zahlreichen Parteien und demokratischen Akteuren unterstützten auch der Bitterfelder Bürgermeister und die Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen diese Demonstration unter dem Motto: „Courage zeigen – keinen Platz für Nazis, nicht in Bitterfeld und anderswo!“ Unterstützer empören sich über die Kriminalisierung der linken Stadträtin, die hier gegen den Aufmarsch eines verurteilten Brandstifters (mehr dazu hier…) friedlich zu protestieren plante. Auf das Fahrzeug der Stadträtin Korntreff ist in Vergangenheit bereits ein Brandanschlag von mutmaßlichen Rechten verübt worden (mehr dazu hier…).

Als die Neonazis an ihrem zugestandenen Zwischenkundgebungsplatz ankamen, protestierten einige wenige Menschen am Rande. Manche warfen mit bunten Konfetti in Richtung der rechten Demonstranten und verliehen ihrem Unmut Ausdruck. Eine Gruppe Antifaschisten versuchte lautstark mit einem Transparent: „Gegen Volk, Nation und Rasse – kein Raum für Nazis“ bis zum Kundgebungsplatz vorzudringen. Am Rande des Platzes wurden sie von Einsatzkräften der Polizei abgedrängt. Auf der einzigen Zwischenkundgebung des Aufzuges sprachen die extrem rechten Kreistagsmitglieder von Anhalt-Bitterfeld Carola Holz und Andreas Köhler sowie der Dresdner „parteifreie Aktivist“ Maik Müller und ein weiterer Neonazi aus Schkeudiz.

Lyrik und Aufforderung zu Straftaten

Die ehemalige Landesvorsitzende der neonazistischen NPD Carola Holz versucht sich eingangs ihres Redebeitrages an der lyrischen Darbietung eines revolutionsverträumten Gedichtes. Von wehenden Fahnen und prangenden Transparenten halluzinierte sie sich über Tausende auf „Demonstrationen gegen das System“ „hinein in ein Deutschland nach neuer Idee“. Nachdem Holz über die EU-Verfassung und den Lissabon-Vertrag schwadronierte und den Anwesenden – die hiervon keinen blassen Schimmer zu haben schienen – deren Bedeutung und Auswirkungen zu erklären versuchte, beschwor sie die Jugend im völkisch sozialistischen Sinne und hetzt gegen die Politiker im Bundestag. „Diese zur Tat drängenden Jugend weiß, dass sie nicht mittelmäßig ist, so wie die Herren in den blauen Sesseln des Bundestages anscheinend sein müssen. Die zwar in jedem Ausschuss sitzen, aber nach ihrer Arbeit zu urteilen, von nichts eine Ahnung haben. Außer vielleicht davon, wie man sich Gutachten und Gesetzte von Lobbyisten schmackhaft machen kann“, so die parteilose Carola Holz, die für die NPD im Kreistag sitzt.

„Werden sie aktiv“ gegen „Kapital, gegen den immer ausufernden Turbokapitalismus und gegen […] Söldner der Wirtschaft“, fordert Holz. „Ginge es nach mir“, so Holz an die Adresse der im Einsatz befindlichen Polizeibeamten, „könnten Sie heute bei ihren Familien sitzen, Kuchen essen und Kaffee trinken. Uns brauchen Sie nicht zu schützen, das können wir allein.“ Nach der Hetze gegen Politiker des deutsche Bundestages, die Wirtschaft und das „System“ als solches wendet sich die Kommunalpolitikerin visionär und siegesgewiss an die Polizeibeamten, was im Weiteren auch als Aufruf zu Straftaten verstanden werden könnte. „Meine Damen und Herren Polizeibeamten, ein neuer Staat braucht auch wieder neue Ordnungshüter. Empfehlen sie sich schon jetzt dafür, indem sie aktiv werden gegen ein System das intolerant gegen das eigene Volk ist, während es seine Beamten in den Straßen der Großstädte von fremdvölkischen Menschen verprügeln lässt. Wir warten auf sie!“

„…dort ist BRD und damit wollen wir nichts zu tun haben.“

Der sächsische Neonazi Maik Müller muss die Kameraden zunächst zur Besinnung zitieren: „Keiner von uns heute hier sollte sich von diesen Gegendemonstranten provozieren lassen, denn hier in unsrer Mitte, in unseren Herzen ist Deutschland, aber das liebe Freunde ist nicht Deutschland – dort ist BRD und damit wollen wir nichts zu tun haben“, so Müller in Richtung der Protestierenden. In seiner kurzen Rede bringt er die Erwartungshaltung des „Nationalen Widerstandes“ an die Kameradinnen und Kameraden zum Ausdruck: „Nicht der nationale Widerstand darf bitte schön froh sein, dass sich der eine oder andere irgendwie innerhalb des selben bewegt, sondern jeder einzelne hat sein Tun und Handeln an den Notwendigkeiten des Widerstandes auszurichten.“ Jeder hat sich den Zielen der Volksgemeinschaft unterzuordnen – die Bedürfnisse des Individuums spielen in diesen Ideologiekonstrukten offenkundig keine Rolle. „Jeder muss aktiv seinen Beitrag leisten und im einzelnen das Ganze stärken. Denn erst wenn wir nach innen diese Ordnung geschaffen haben, wird es uns gelingen diese Ordnung nach außen zu tragen und für eine Veränderung zu sorgen, die so notwendig ist wie noch nie zuvor“, legt der „parteifreie Aktivist“ mit Zwang zur Unterordnung nach.

„Wir brauchen auch keine abgehalfterten Parteibozen, die uns erklären nach jeder Aktion, wir wären zu radikal und wir dürften dieses und jenes nicht tun“, so Müller, der neben Ablehnung demokratischer Grundrechte auch Wert auf Distanz zu Parteien wie der NPD legt. „Dort wo es ruhig ist herrscht Stillstand und keine Bewegung“, sinniert der Neonazi von nötigen Veränderungen und einer „sozialistische(n)“ und „nationalistische(n) Wende“ die er sich herbei zu träumen scheint. „Lasst uns denen da draußen zeigen, wir sind immer noch da. Wir sind die alten geblieben so wie in den Jahren, die schon hinter uns liegen. Wir sind diejenigen, die für die Interessen unseres, die Interessen des deutschen Volkes eintreten. Wir sind diejenigen, die die Demokraten bis aufs Mark erschüttern, wenn unsere Schlachtrufe durch die Straßen von Bitterfeld schallen. In diesem Sinne liebe Kameradinnen und Kameraden – frei und sozial, radikal, national und sozialistisch“, schließt der Dresdner Maik Müller seinen Beitrag ab.

Ein Schkeudizer Neonazi sinniert in seiner Rede fragend, wie denn „deutsche Bürger“ immer noch „an ein erfolgreiches Bestehen der BRD glauben“ können. Die „unsichtbare Fessel“ „Trägheit sowie Schönrederei, Verdummung, Geschichtsverdrehung und falsche Meinungsmache“ glaubt er als Ursache ausgemacht zu haben. „Denn anders kann man sich sonst dieses selbstmörderische Verhalten unseres Volkes nicht erklären“, ist sich der Sachse sicher. „Ich rede von Volksaufklärung“, beschwört er die Anwesenden aktiv zu werden statt mit „Konzertbesuche oder wochenendliche Besuche von Dorffesten, Sauforgien oder stumpfsinnige Schlägereien“ ihre Freizeit zu verbringen. „Wir sind die Wegbereiter für eine neue bessere Zeit. In diesem Sinne: Werdet aktiv in euren Städten!“, hält er die jungen Menschen an sich zu informieren, Kontakte zu knüpfen, Transparente und Flugblätter zu gestalten oder im Internet zu erwerben.

„Und ich habe dazu auch was ausgearbeitet. Geklatscht werden kann danach.“

Andreas Köhler meint im Anschluss: „Ich glaube ich habe doch noch einige Sachen zu berichten aus meiner Kreistagtätigkeit […].Und ich habe dazu auch was ausgearbeitet. Geklatscht werden kann danach.“ Köhler ermüdet zunächst die Anwesenden mit langatmigen Anekdoten, wie er im Jahr 2005 durch die Enttäuschung über Landespolitiker dazu kam sich politisch zu engagieren und aus seiner über 25-jährigen Karriere als „Pfleger und Hüter des Waldes“ in der heimischen Forstwirtschaft. „Die wehrhaften Demokraten sind sich alle einig, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Rechten aus der Politik raus zu halten“ und „die Medienwelt ist antinational gleichgeschaltet“ bringt der Kommunalpolitiker aus der Ortsgemeinschaft Schierau seinem ernüchternden Erfahrungsschatz der letzten Jahre im monotonen Ablese-Stil zum Ausdruck. Der Forstwirt, der 2007 als parteiloser auf der Liste der NPD kandidierte empört sich, „dass ich dafür als Neonazi oder Faschist bezeichnet werde, ohne das es für diejenigen Konsequenzen hat.“ Köhler zetert zudem gegen die Linkspartei, die er ausgemacht haben will, „federführend“ die Proteste an diesem Tag organisiert zu haben.

„Ich selbst verfluche die DDR-Zeit nicht, aber wir haben wohl von beiden deutschen Systemen nur den Müll übernommen“, mutmaßt Andreas Köhler. „Ich hätte sie gerne erlebt“ – die Demokratie –  „aber bis jetzt ist es mir nicht möglich gewesen. Ich würde mich freuen wenn sich das ändert“, so der „Pfleger und Hüter des Waldes“ mit rühriger Stimme.

„BRD heißt das System – morgen wird es untergehn“

Mit Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand“, „frei, sozial, national“, „Nie wieder Israel“, den immer wieder kehrenden Forderungen nach einem „Nationalen Sozialismus“, „Bitterfeld erwache!“ oder auch „Neun Millimeter für linkes Gezeter“ setzt sich der Aufzug in Richtung Bahnhof fort. Der Aufforderung: „Bürger lasst das Glotzen sein – auf die Straße, reiht euch ein!“, wollte in Bitterfeld aber wohl kein Anwohner Folge leisten. „Parolen wie: „Der Staat ist am Ende, wir sind die Wende“, knüpften zwar augenscheinlich an die zuvor gehaltenen Redebeiträge an, hinterließen aber aufgrund der kaum mehr als hundert Teilnehmer an diesem Tag einen eher lächerlichen Eindruck. Wenige Meter vor dem Endpunkt schien die Stimmung eher einem Fußballstadium  gleichzukommen. Noch vor 15.30 Uhr löst der zumeist recht wortkarge Alexander W. die Versammlung offiziell auf.

Ergänzung: *Wie die Polizei im Nachhinein informierte, wurde dem verurteilten Brandstifter Per M. untersagt als Anmelder der Veranstaltung aufzutreten.

„Wir sind diejenigen, die die Demokraten bis aufs Mark erschüttern, wenn unsere Schlachtrufe durch die Straßen von Bitterfeld schallen.“

etwa 110 Spieler vom braunen Team „wollen alles“ // bunte Mannschaft mit weniger Resonanz als erwartet // Team Green stellt zahlenmäßig größte Mannschaft auf dem Platz

Mit dem sperrigen Motto “Laß dich nicht verarschen – Werde aktiv! Wir wollen alles! Freiheit, soziale Gerechtigkeit – Ein neues Deutschland!”mobilisierten für den 03. Oktober 2009 die „Freien Nationalisten aus Bitterfeld und Dessau“ zu einem Aufmarsch nach Bitterfeld. An der Veranstaltung des einschlägig verurteilten Anmelders Per M. (mehr dazu hier…) und des Dessau-Roßlauer Neonaziaktivisten Alexander W. (mehr dazu hier…) nahmen bis zu 110 Personen aus der Region Anhalt, Burg, Mansfeld-Südharz, dem sächsischen Schkeuditz, Freiberg, Leipzig und Dresden, dem brandenburgischen Königs Wusterhausen und anderen Städten teil. An einer Antifa- und einer zivilgesellschaftlichen Bündnis-Demonstration nahmen jeweils bis zu 100 Personen teil. Eine Kundgebung der IG Metall wurde laut Polizeiangaben von bis zu 80 Teilnehmern unterstützt. Im Vorfeld des „Tags der deutschen Einheit“ versuchte die Polizei die Proteste gegen den Neonaziaufmarsch durch Kriminalisierung zu erschweren.

„Ich frag mich langsam auch, ob hier was los ist.“

Mit mehr als eine Stunde Verspätung startete der Aufmarsch der extrem rechten Anmelder nach 13.00 Uhr vom Bitterfelder Bahnhof durch die Innenstadt. Die „Freien Nationalisten“ aber wohl auch die Nazigegner hatten sich zweifellos mehr Unterstützer aus ihrem Lager an diesem Tag erhofft. „Ich frag mich langsam auch, ob hier was los ist“, war kurz vor Beginn des Neonaziaufmarsches von einem Polizeibeamten am Bahnhof zu vernehmen. Die Polizei war an diesem Tag wohl zahlenmäßig mit mehreren Hundertschaften der größte Player in der als Chemiestandort bekannten Stadt mit rund 15.000 Einwohnern. Bereits am Bahnhofsvorplatz versuchten Teilnehmer des rechten Aufzuges einen Fotografen zu bedrängen und einzuschüchtern und einen anderen durch einen Kopfstoß zu verletzen, sodass Polizeibeamten einschreiten mussten. Immer wieder versuchen Neonazis in der Vergangenheit kritische Beobachter am Rande ihrer öffentlichen Veranstaltungen einzuschüchtern und zu vertreiben. In Internetforen der Szene wird häufig gezielt dazu aufgerufen kritische Journalisten oder Gegendemonstranten anzugreifen oder sich im Nachhinein mit derartigen „Heldentaten“ gerühmt.

provokantes Ziel der Nazis – Sperre und Gefährdeansprache für Nazigegner

Die Demonstrationsroute der Neonazis um die ehemalige NPD-Landesvorsitzende Carola Holz sah vor bis zu einem Gedenkstein des im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar von Nationalsozialisten ermordeten Ernst Thälmann zu marschieren und dort eine Zwischenkundgebung abzuhalten. Wie auch schon im Jahr 2006 (mehr dazu hier…) stellte dies für linke Nazigegner eine besondere Provokation durch die extreme Rechte dar. Die Anmeldung einer Kundgebung durch die Linkspartei an diesem Platz ist von der Polizei im Vorfeld verboten worden. Auch anderweitig ist die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost im Hinblick auf die Gegenproteste aktiv geworden, so ist mehrere Tage vor dem 03.Oktober 2009 die Sperrung einer Internetseite erwirkt worden, auf der zum Blockieren, Stören und Verhindern des Neonaziaufmarsches aufgerufen worden ist.

Ferner erhielt die stellvertretende Versammlungsleiterin der Bündnisdemonstration am Vorabend des Samstages unerwarteten Besuch. Beamte der Kriminalpolizei sollen ihr vorgehalten haben, in „Vergangenheit im Zusammenhang mit Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung festgestellt“ worden zu sein. Auch auf Nachfragen sollen sie diese Vorhaltungen jedoch nicht weiter konkretisiert haben. Eine „Gefährdeansprache“ mit Androhung der „Gewahrsamnahme“ folgte für die gewählte Stadträtin, berichtet der Kreisverband der linken Partei. Neben zahlreichen Parteien und demokratischen Akteuren unterstützten auch der Bitterfelder Bürgermeister und die Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen diese Demonstration unter dem Motto: „Courage zeigen – keinen Platz für Nazis, nicht in Bitterfeld und anderswo!“ Unterstützer empören sich über die Kriminalisierung der linken Stadträtin, die hier gegen den Aufmarsch eines verurteilten Brandstifters (mehr dazu hier…) friedlich zu protestieren plante. Auf das Fahrzeug der Stadträtin Korntreff ist in Vergangenheit bereits ein Brandanschlag von mutmaßlichen Rechten verübt worden.

Als die Neonazis an ihrem zugestandenen Zwischenkundgebungsplatz ankamen, protestierten einige wenige Menschen am Rande. Manche warfen mit bunten Konfetti in Richtung der rechten Demonstranten und verliehen ihrem Unmut Ausdruck. Eine Gruppe Antifaschisten versuchte lautstark mit einem Transparent: „Gegen Volk, Nation und Rasse – kein Raum für Nazis“ bis zum Kundgebungsplatz vorzudringen. Am Rande des Platzes wurden sie von Einsatzkräften der Polizei abgedrängt. Auf der einzigen Zwischenkundgebung des Aufzuges sprachen die extrem rechten Kreistagsmitglieder von Anhalt-Bitterfeld Carola Holz und Andreas Köhler sowie der Dresdner „parteifreie Aktivist“ Maik Müller und ein weiterer Neonazi aus Schkeudiz.

Lyrik und Aufforderung zu Straftaten

Die ehemalige Landesvorsitzende der neonazistischen NPD Carola Holz versucht sich eingangs ihres Redebeitrages an der lyrischen Darbietung eines revolutionsverträumten Gedichtes. Von wehenden Fahnen und prangenden Transparenten halluzinierte sie sich über Tausende auf „Demonstrationen gegen das System“ „hinein in ein Deutschland nach neuer Idee“. Nachdem Holz über die EU-Verfassung und den Lissabon-Vertrag schwadronierte und den Anwesenden – die hiervon keinen blassen Schimmer zu haben schienen – deren Bedeutung und Auswirkungen zu erklären versuchte, beschwor sie die Jugend im völkisch sozialistischen Sinne und hetzt gegen die Politiker im Bundestag. „Diese zur Tat drängenden Jugend weiß, dass sie nicht mittelmäßig ist, so wie die Herren in den blauen Sesseln des Bundestages anscheinend sein müssen. Die zwar in jedem Ausschuss sitzen, aber nach ihrer Arbeit zu urteilen, von nichts eine Ahnung haben. Außer vielleicht davon, wie man sich Gutachten und Gesetzte von Lobbyisten schmackhaft machen kann“, so die parteilose Carola Holz, die für die NPD im Kreistag sitzt.

„Werden sie aktiv“ gegen „Kapital, gegen den immer ausufernden Turbokapitalismus und gegen […] Söldner der Wirtschaft“, fordert Holz. „Ginge es nach mir“, so Holz an die Adresse der im Einsatz befindlichen Polizeibeamten, „könnten Sie heute bei ihren Familien sitzen, Kuchen essen und Kaffee trinken. Uns brauchen Sie nicht zu schützen, das können wir allein.“ Nach der Hetze gegen Politiker des deutsche Bundestages, die Wirtschaft und das „System“ als solches wendet sich die Kommunalpolitikerin visionär und siegesgewiss an die Polizeibeamten, was im Weiteren auch als Aufruf zu Straftaten verstanden werden könnte. „Meine Damen und Herren Polizeibeamten, ein neuer Staat braucht auch wieder neue Ordnungshüter. Empfehlen sie sich schon jetzt dafür, indem sie aktiv werden gegen ein System das intolerant gegen das eigene Volk ist, während es seine Beamten in den Straßen der Großstädte von fremdvölkischen Menschen verprügeln lässt. Wir warten auf sie!“

„…dort ist BRD und damit wollen wir nichts zu tun haben.“

Der sächsische Neonazi Maik Müller muss die Kameraden zunächst zur Besinnung zitieren: „Keiner von uns heute hier sollte sich von diesen Gegendemonstranten provozieren lassen, denn hier in unsrer Mitte, in unseren Herzen ist Deutschland, aber das liebe Freunde ist nicht Deutschland – dort ist BRD und damit wollen wir nichts zu tun haben“, so Müller in Richtung der Protestierenden. In seiner kurzen Rede bringt er die Erwartungshaltung des „Nationalen Widerstandes“ an die Kameradinnen und Kameraden zum Ausdruck: „Nicht der nationale Widerstand darf bitte schön froh sein, dass sich der eine oder andere irgendwie innerhalb des selben bewegt, sondern jeder einzelne hat sein Tun und Handeln an den Notwendigkeiten des Widerstandes auszurichten.“ Jeder hat sich den Zielen der Volksgemeinschaft unterzuordnen – die Bedürfnisse des Individuums spielen in diesen Ideologiekonstrukten offenkundig keine Rolle. „Jeder muss aktiv seinen Beitrag leisten und im einzelnen das Ganze stärken. Denn erst wenn wir nach innen diese Ordnung geschaffen haben, wird es uns gelingen diese Ordnung nach außen zu tragen und für eine Veränderung zu sorgen, die so notwendig ist wie noch nie zuvor“, legt der „parteifreie Aktivist“ mit Zwang zur Unterordnung nach.

„Wir brauchen auch keine abgehalfterten Parteibozen, die uns erklären nach jeder Aktion, wir wären zu radikal und wir dürften dieses und jenes nicht tun“, so Müller, der neben Ablehnung demokratischer Grundrechte auch Wert auf Distanz zu Parteien wie der NPD legt. „Dort wo es ruhig ist herrscht Stillstand und keine Bewegung“, sinniert der Neonazi von nötigen Veränderungen und einer „sozialistische(n)“ und „nationalistische(n) Wende“ die er sich herbei zu träumen scheint. „Lasst uns denen da draußen zeigen, wir sind immer noch da. Wir sind die alten geblieben so wie in den Jahren, die schon hinter uns liegen. Wir sind diejenigen, die für die Interessen unseres, die Interessen des deutschen Volkes eintreten. Wir sind diejenigen, die die Demokraten bis aufs Mark erschüttern, wenn unsere Schlachtrufe durch die Straßen von Bitterfeld schallen. In diesem Sinne liebe Kameradinnen und Kameraden – frei und sozial, radikal, national und sozialistisch“, schließt der Dresdner Maik Müller seinen Beitrag ab.

Ein Schkeudizer Neonazi sinniert in seiner Rede fragend, wie denn „deutsche Bürger“ immer noch „an ein erfolgreiches Bestehen der BRD glauben“ können. Die „unsichtbare Fessel“ „Trägheit sowie Schönrederei, Verdummung, Geschichtsverdrehung und falsche Meinungsmache“ glaubt er als Ursache ausgemacht zu haben. „Denn anders kann man sich sonst dieses selbstmörderische Verhalten unseres Volkes nicht erklären“, ist sich der Sachse sicher. „Ich rede von Volksaufklärung“, beschwört er die Anwesenden aktiv zu werden statt mit „Konzertbesuche oder wochenendliche Besuche von Dorffesten, Sauforgien oder stumpfsinnige Schlägereien“ ihre Freizeit zu verbringen. „Wir sind die Wegbereiter für eine neue bessere Zeit. In diesem Sinne: Werdet aktiv in euren Städten!“, hält er die jungen Menschen an sich zu informieren, Kontakte zu knüpfen, Transparente und Flugblätter zu gestalten oder im Internet zu erwerben.

„Und ich habe dazu auch was ausgearbeitet. Geklatscht werden kann danach.“

Andreas Köhler meint im Anschluss: „Ich glaube ich habe doch noch einige Sachen zu berichten aus meiner Kreistagtätigkeit […].Und ich habe dazu auch was ausgearbeitet. Geklatscht werden kann danach.“ Köhler ermüdet zunächst die Anwesenden mit langatmigen Anekdoten, wie er im Jahr 2005 durch die Enttäuschung über Landespolitiker dazu kam sich politisch zu engagieren und aus seiner über 25-jährigen Karriere als „Pfleger und Hüter des Waldes“ in der heimischen Forstwirtschaft. „Die wehrhaften Demokraten sind sich alle einig, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Rechten aus der Politik raus zu halten“ und „die Medienwelt ist antinational gleichgeschaltet“ bringt der Kommunalpolitiker aus der Ortsgemeinschaft Schierau seinem ernüchternden Erfahrungsschatz der letzten Jahre im monotonen Ablese-Stil zum Ausdruck. Der Forstwirt, der 2007 als parteiloser auf der Liste der NPD kandidierte empört sich, „dass ich dafür als Neonazi oder Faschist bezeichnet werde, ohne das es für diejenigen Konsequenzen hat.“ Köhler zetert zudem gegen die Linkspartei, die er ausgemacht haben will, „federführend“ die Proteste an diesem Tag organisiert zu haben.

„Ich selbst verfluche die DDR-Zeit nicht, aber wir haben wohl von beiden deutschen Systemen nur den Müll übernommen“, mutmaßt Andreas Köhler. „Ich hätte sie gerne erlebt“ – die Demokratie –  „aber bis jetzt ist es mir nicht möglich gewesen. Ich würde mich freuen wenn sich das ändert“, so der „Pfleger und Hüter des Waldes“ mit rühriger Stimme.

„BRD heißt das System – morgen wird es untergehn“

Mit Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand“, „frei, sozial, national“, „Nie wieder Israel“, den immer wieder kehrenden Forderungen nach einem „Nationalen Sozialismus“, „Bitterfeld erwache!“ oder auch „Neun Millimeter für linkes Gezeter“ setzt sich der Aufzug in Richtung Bahnhof fort. Der Aufforderung: „Bürger lasst das Glotzen sein – auf die Straße, reiht euch ein!“, wollte in Bitterfeld aber wohl kein Anwohner Folge leisten. „Parolen wie: „Der Staat ist am Ende, wir sind die Wende“, knüpften zwar augenscheinlich an die zuvor gehaltenen Redebeiträge an, hinterließen aber aufgrund der kaum mehr als hundert Teilnehmer an diesem Tag einen eher lächerlichen Eindruck. Wenige Meter vor dem Endpunkt schien die Stimmung eher einem Fußballstadium  gleichzukommen. Noch vor 15.30 Uhr löst der zumeist recht wortkarge Alexander W. die Versammlung offiziell auf.

Advertisements

  1. 1 Oktober 2009 « Infothek-Dessau.de

    […] „Wir sind diejenigen, die die Demokraten bis aufs Mark erschüttern, wenn unsere Schlachtrufe durc… […]






%d Bloggern gefällt das: