04. Juni 2009 / Halle „Oseberg“-Eröffnung

„Thor Steinar“ gibt in Leipzig auf und hofft nun in Halle auf gute Geschäfte

Seit dem 04. Juni 2009 gibt es auch in Halle in bester Innenstadtlage Bekleidung der Marke „Thor Steinar“ zu kaufen, die sich in der extrem rechten Szene ausgesprochener Beliebtheit erfreut. Begleitet von Protesten eröffnete die in Brandenburg gegründete „MediaTex GmbH“ an diesem Tag eine Filiale namens „Oseberg“ am oberen Boulevard, nur wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Mehr als 150 Menschen protestierten am Vormittag der Eröffnung direkt vor dem Laden. Dabei kam es zu mehreren Zwischenfällen. Nachdem eine der mutmaßlich Angestellten einen vollen Becher Kaffee aus dem Laden heraus auf die Demonstranten warf, flogen mehrere Eier gegen die Außenfassade. Der ehemalige Geschäftsführer und Betreiber des Ladens, Uwe  Meusel aus Königs Wusterhausen war bei der Eröffnung persönlich  anwesend. Er war zwar bemüht, sich unbeeindruckt von den Demonstranten zu zeigen, seine Anspannung wurde jedoch deutlich, als er unter den Augen der Polizei mehrmals einzelne Personen angriff, u.a. auch einen Stadtrat der „Linken“. Laut einem Bericht der „taz“ fiel Meusel nicht zum ersten Mal durch seine Aggressivität auf. So bedrohte er im Sommer 2008 in Berlin die Sprecherin einer Bürgerinitiative und ging am Rande der Verhandlung am Amtsgericht Tiergarten Anfang Juni auf einen Fotografen los.

Nach dem im Juli 2007 eröffneten „Narvik“ in Magdeburg ist das hallesche „Oseberg“ das zweite direkt von „MediaTex“ in Sachsen-Anhalt betriebene „Thor-Steinar“-Geschäft. Im Magdeburger „Hundertwasserhaus“ wurde dem Betreiber Meusel nach monatelangen Protesten und einer juristischen Auseinandersetzung mit dem Vermieter im Januar 2009 die Räume im Zentrum wegen „arglistiger Täuschung“ gekündigt. Im September 2007 eröffnete auch in der Leipziger Innenstadt eine „MediaTex-“Filiale mit dem Namen „Tønsberg“. Auch in Leipzig verlor Meusel letztlich vor Gericht und musste den Laden aufgeben. Anders als in Magdeburg, wo der Laden lediglich in einen anderen Stadtteil verlegt wurde, scheint Leipzig für Meusel so unlukrativ zu sein, dass er der Stadt komplett den Rücken kehrte und in das 40 km entfernte Halle umsiedelte. In zahlreichen Fällen von Ladenanmietungen für den Verkauf der Modemarke „Thor Steinar“ berichten geprellte Vermieter, dass ihnen zuvor ledigich „Sport- und OutdoorBekleidung“ als Sortiment offeriert worden sei. Erst wenn der Mietvertrag unterschrieben und das Geschäft eröffnet ist, erfahren die Vermieter vom tatsächlichen Sortiment.

Dass es sich bei „Thor Steinar“ um eine „in der rechten Szene (äußerst) beliebten Bekleidungsmarke“, so die juristisch einwandfreie Sprachregelung, handelt, kommt jedoch nicht von ungefähr. Anders als bei der passiven Instrumentalisierung von Marken wie „Lonsdale“ oder „Fred Perry“ in den 90er Jahren, hat die Marke „Thor Steinar“ seit Anfang ihres Bestehens die rechte Szene bedient. Bevor die Marke populär und einem größeren Kundenkreis zugänglich wurde, war sie fast ausschließlich in Neonazikreisen bekannt. Verschiedentlich wurde einzelnen Mitarbeitern, insbesondere dem früheren Geschäftsführer Axel Kopelke, Kontakte zur organisierten Szene nachgesagt, die jedoch nicht gerichtsfest belegt werden konnten. In Magdeburg stellte das Unternehmen jedoch gute  Kontakte unter Beweis, als es im Sommer 2007 seinen Laden während einer Gegenkundgebung von der organisierten Neonazi-Sicherheitsfirma „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“ schützen ließ.

Das „Narvik“ und das „Oseberg“  sind jedoch nicht die einzigen Geschäfte, in denen die Bekleidungsmarke in Sachsen-Anhalt verkauft wird. Auch im „Ragnarök“ in Halberstadt, im „Rødberg“ in Dessau, im „Nordic Flame“ in Köthen oder im „Ramgard“ auf dem flachen Land hinter Lutherstadt Wittenberg kann man sich mit „Thor Steinar“ versorgen. Während die Läden von „MediaTex“ reine Geschäftsbetriebe sind, ist der Betreiber des Köthener „Thor-Steinar“-Ladens „Nordic Flame“, Steffen Bösener eine Schlüsselfigur der regionalen Neonazi-Szene. Er vertreibt nicht nur Bekleidung, Waffen und neonazistische Musik in seinem angegliederten Internetversand, sondern bekleidet seit den Kommunalwahlen im Juni 2009 nun auch ein NPD-Mandat im Köthener Stadtrat.

Aber auch in Bildsprache und Symbolik der Marke wird die Nähe zur Ideologie von Neonazis deutlich. Ab 2004 wurde das alte Logo der Marke in mehreren Bundesländern strafrechtlich verfolgt. Aus der Kombination von „S“ („Sig-Rune“, Organisationszeichen der „Hitlerjugend“) und „T“ („Kampf-Rune“) aus dem Runenalphabet entstand „zufällig“ ein Logo, dass darüber hinaus zusätzlich die sogenannte „Wolfsangel“ der nationalsozialistischen „Werwolf“-Einheiten sowie das verbotene Organisationskennzeichen der „Schutzstaffel“ (SS) enthielt. Die Inhaber prozessierten erfolgreich gegen diese Entscheidung, kreierten jedoch schon 2004 ein neues Logo mit einer historisch nicht belasteten Rune.

„Thor Steinar“ gilt als die erfolgreichste Geschäftsidee, um den Bedarf der rechten Szene zu bedienen. Mit der Marke werden jedes Jahr Millionenumsätze gemacht. Die Betreiber haben es wie niemand sonst verstanden, Elemente rechter Ideologie mit ihren finanziellen Geschäftsinteressen zu verbinden. Im November 2008 wurde die Firma an den arabischen Investor Faysal al Zarooni in Dubai übertragen. Aber nicht erst mit dem Verkauf nach Dubai gibt es auch innerhalb der rechten Szene Kritik an der Marke. Zunächst sorgten Gerüchte über die Herstellung der Bekleidung in der Türkei und in Südostasien sowie Unmut über das unangemessen protzige Privatdomizil von Meusel für die ersten vereinzelten Distanzierungen. Das Gros der Szene zeigte sich darüber jedoch unbeeindruckt und lehnte die Stimmungsmache ab. In einem im Mai 2009 von den „Autonomen Nationalisten“ der „Aktionsgruppe Essen“ verfassten und nun u.a. von den „Aktionsgruppen Halle und Saalekreis“ übernommenen Boykottaufruf, wird der Firma vorgeworfen, „thailändische Kleidungsstücke mit Schein-nationalen Slogans und Sprüchen auszustaffieren, und […] zu beträchtlich hohen Summen“ zu vertreiben. Damit haben „MediaTex“ und „Thor Steinar“ laut diesem Aufruf „mit daran Schuld, daß gerade jüngere KameradenInnen zu geldgierigen Konsummonstern herangezogen werden [… und] gezwungen [sind] sich zu verschulden nur um sich an den ‚rechten Lifestyle’ anzupassen.“

Mit positiven Bezügen zur deutschen Kolonialzeit, zur verbrecherischen deutschen Wehrmacht während des NS, zur nordischen Mythologie und zu Gewalt spricht „Thor Steinar“ nicht nur das Klientel aus der Neonaziszene an. Dabei verzichten die Designer der Marke darauf, jedes einzelne Stück der Kollektion mit diesen Bezügen zu versehen, so dass durch die professionelle Aufmachung für uninteressierte Einkäufer unter Umständen auch das unbefangene Bild einer neutralen Marke entstehen könnte. Diese stetigen Bezugnahmen bedienen einerseits die Geisteswelt von Neonazis, wirken aber gleichzeitig identitätsstiftend für rechts orientierte und weniger gefestigte Jugendliche. Das mag zwar vom Recht der Meinungsfreiheit gedeckt sein, politisch gesehen ist es zumindest die gedankenlose Duldung rechter und NS-verherrlichender Symbolik oder aber die bewusste Entscheidung für Bekleidungsstücke mit diesen ideologischen Anleihen.

Unbedarften Mitmenschen versucht der durch den Handel mit Lifestyle für eine rechte Käuferschaft reich gewordene Meusel gern weiszumachen, dass er als Geschäftsmann lediglich am Geld verdienen interessiert ist und dass die Marke vor allem eine gelungene Provokation gegen das Establishment darstellt. Doch auch trotz des Verkaufs nach Dubai ist nicht zu erwarten, dass sich die ideologischen Implikationen der Marke und der Kundenkreis in den nächsten Jahren ändern werden. Dazu ist das Konzept zu erfolgreich und das Image der „patriotische(n) Kleidung“ mit „nordischer Attitüde“ auch innerhalb der rechten Szene zu virulent. Auch nach dem Wechsel der Geschäftsführung tritt Meusel weiter für „MediaTex“ auf. Und in der neuesten Kollektion werben wieder Modelle mit Namen wie „Nordmark“, „Thule“, „Wüstenfuchs“ und „Odin“ auch um das Geld der Käufer aus rechten und Neonazi-Kreisen.

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