07. März 2009 / Dessau: Nazijammern

„Wenn wir wollten könnten wir sie mit einem Handstreich von diesem Platz fegen.“

300 Neonazis marschieren am 07. März 2009 mehr als zehn Kilometer durch die Muldestadt. Die ehemalige NPD-Landesvorsitzende Carola Holz und „Freie Nationalisten aus Anhalt/Bitterfeld und Dessau“ riefen zu „Trauermarsch“ anlässlich der kriegsnotwendigen Bombardierung der Stadt `45 auf. Stadt und zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure setzen in Dessaus Innenstadt mit 500 Teilnehmern heiteres, stimmungsvolles Zeichen gegen extrem rechten „Trauermarsch“. Das Vorhaben, den braunen Spuk zu blockieren gelingt nicht. Neonaziredner verlangen an diesem Tag geradezu ungehalten nach Anzeigen wegen Volksverhetzung.

Ab 12.00 Uhr sammelten sich die ersten Neonazis an diesem Tag auf dem Bahnhofsvorplatz, mit 45-minütiger Verspätung zogen die knapp 300 Teilnehmer dann in Richtung Polizeirevier in der Wolfgangstraße. Von Beginn an bekamen die Kameraden die ersten Ansätze des stimmungsvollen Rahmenprogramms in der Stadt zu spüren. Der jüngst rekrutierte „Gau Anhalt“ der „Front deutscher Äpfel“ und andere Protestierende begrüßten die Neonazis bereits am Rande des Bahnhofsvorplatzes. Mitglieder des Dessau-Roßlauer Bündnisses gegen Rechtsextremismus folgten mit Transparent und einer großen Kehrmaschine des Stadtpflegebetriebes dem Neonaziaufmarsch von Beginn an, um den braunen Ungeist symbolisch von der Straße zu fegen.

In der Zebster Straße, einer Fußgängerzone an deren Ende das Rathaus der Stadt steht, wurden die ungewollten „Trauergäste“ bereits erwartet. Eine Veranstaltung der Stadt Dessau-Roßlau, mit Bühnenprogramm von Kurt Weill und Statements von lokalen Akteuren der Stadt gegen den Aufmarsch der Neonazis hatte etwa 500 Bürger in die Innenstadt gelockt. Die geplante Konfrontationstherapie des Vorbereitungskreises hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Die Menschen die hier zur Veranstaltung gekommen sind konnten sich einmal ein eigenes Bild eines solchen Neonaziaufmarschs aus nächster Nähe  verschaffen und sich ihrem Unmut darüber gehörig Luft machen.

„Bombenstimmung“ mit Polka, „Front Deutscher Äpfel“ und Teletubbies

Nachdem die Neonazis das Rathaus passiert hatten und auf dem Schlossplatz eine Zwischenkundgebung abhalten wollten, zeichneten die folgenden Minuten sichtlich Falten in die Gesichter der Anwesenden Veranstalter und Teilnehmer des Aufmarsches. Der Schlossplatz war zu diesem Moment mit einer kaum zu übertreffenden Stimmung belebt, wie sie die Stadt zu einem solchen Thema sicher noch nicht erlebt hat. Aus den Fenstern der Marienkirche tönte Ieva`s never ending Polka, die gesamte Front des Platzes säumten Nazigegner mit Konfetti, Luftschlangen und erheiternden Sprüchen und verbreiteten eine „Bombenstimmung“ angesichts der sichtlich gefrusteten Neonazis. Und zu guter letzt sorgten die Teletubbies unmittelbar am Rande der noch stummen Neonazikungebung für spielerisches Treiben.  Die „Front Deutscher Äpfel“ auf dem Schlossplatz und Clowns auf angrenzenden Wohnblöcken sorgten mittels Megaphon für die gezielte Ansprache der Ewiggestrigen.

Nach langen, heiteren Minuten, in denen auch die eingesetzten Polizeibeamten über das bunten Spektakel herzlich schmunzeln mussten, begannen erst ein Brandenburger Redner gefolgt von dem Hildesheimer Neonaziaktivisten Dieter Riefling die 300 anwesenden Kameraden auf den Grund ihres heutigen Erscheinens einzuschwören.

„Noch mögen es heute an diesem Platz wenige hundert sein. Doch draußen im Lande stehen tausende und aber zehntausende hinter uns.

Riefling sprach in geübter Art und Weise schamlos relativierend und geschichtsrevisionistisch vom „zweiten großen Völkerringen, dass (…) dem deutschen Volke auferzwungen wurde.“  „Das deutsche Volk kämpfte im ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 genauso wie im zweiten Weltkrieg 1939 bis 1945 einzig und allein um seine Freiheit und seine Selbstbestimmung.“, so Riefling, dem jeder Beobachter ganz sicher die Eignung zum NS-Propagandaredner bescheinigen würde.  „Und dieser Kampf, der zweimal mit millionen von toten Menschen in Europa bezahlt wurde wird heute auf einem anderen Wege fortgeführt. Heute werfen sie nicht mehr Tonnen von Bomben auf deutschen Städte, heute schaffen sie millionen von sogenannte Kulturbereicherern in unsere Städte, um damit unsere Sitte, unsere Moral und unsere Volkstum zu zerstören. Auch das sind alliierte Kriegsverbrechen.“, redet sich der kleine Neonazi  in Rage.

„Wer will es uns denn verbieten unserer Toten zu gedenken, seien sie Gefallenen der Front mit der Waffe in der Hand oder seien sie die Gefallenen der Heimatfront. Niemand verbietet es uns, liebe Kameradinnen und Kameraden.“, kommt er zum eigentlichen Thema des heutigen Aufmarsches zurück und erntet für sein propagandistisches Kalkül regen Applaus der Sympathisanten.

Demokratie und Freiheit nennt Riefling die „Umerziehung“ und „Verdummung eines ganzen Volkes“. „Welche Früchte diese Verdummung  getragen hat, dass sehen wir hinter den Absperrungen der Polizei, wo die volksverdummten Volksgenossinnen und Volksgenossen stehen.“, die an diesem Tage feiern würden, dass deutsche Städte bombardiert worden sind, erzürnt sich der zur Hochform aufgelaufene Neonazischreihals. „Sie sind die Dummen. Sie müssen nachdenken gehen. Wir haben nachgedacht. Und es gibt nur einen Schluss dafür, dass wir Widerstand leisten müssen gegen die Volksverdummung, die von solchen Typen und Kanallien da drüben ausgeht.“, so Riefling weiter.

In der Evolution habe es sich schon immer gezeigt, meint Riefling, dass sich stets das „Starke und Gute“ durchsetzten würde. „Zwei Kriege haben uns nicht kaputt gekriegt und sie werden uns auch mit diesem dritten Krieg, den sie momentan gegen uns führen, nicht kaputt bekommen. Die deutsche Jugend, das Blut was in unseren Adern fließt, von Hermann dem Cherusker bis hin zum Frontsoldaten des zweiten Weltkrieges, fließt heute auch in jedem einzelnen von Euch. Zeigt euch dieses Blutes würdig, dass auf so vielen Schlachtfeldern Europas und darüber hinaus vergossen worden ist.“, so Dieter Riefling, der gegen die Stimmung der Nazigegner anschreit.

„Wir gedenken unserer Toten wann und wo wir wollen. Und lassen uns von nichts und niemanden, heute nicht in Dessau, morgen nicht in Lübeck und sonst auch nirgendwo in Deutschland aufhalten. Nicht von diesem System, das dem Untergang geweiht ist, und nicht von ihren Fußtruppen, die da drüben Krawall machen und sich selber lächerliche machen. Wenn wir wollten könnten wir sie mit einem Handstreich von diesem Platz fegen.“, so Riefling weiter. Mittlerweile erinnert sein Redestil sehr eindrucksvoll an den des „Führerideals“ vieler Neonazis aus Österreich.

Von Thomas Wulff, der jahrelang als eine zentrale Führungsfigur der Neonaziszene gilt und andere Aufmärsche hier in Dessau bereits unterstütze, soll Riefling die „besten Kampfesgrüße an die deutsche Jugend übermitteln“. „Und (er) fordert Euch auf weiterhin im Geiste unserer Ahnen hier und überall in Deutschland zu marschieren.“, übermittelt Riefling die Grußworte. „Noch mögen es heute an diesem Platz wenige hundert sein. Doch draußen im Lande stehen tausende und aber zehntausende hinter uns. Die wollen nur, dass wir den Anfang machen, dass wir beginnen den Kampf aufzunehmen. Und wir sind dazu auserkoren, die Sturmtruppen der Freiheit zu sein.“ Bei diesen Worten ist sich der Beobachter auch ganz sicher diese in sehr ähnlicher Art und Weise aus historischen Dokumentationen bereits mehrfach vernommen zu haben. Auch Dieter Riefling scheint sich Reden von Goebbels, Hitler und anderen NS-Funktionären oft ganz genau angehört zu haben.

Anschließend ziehen die Neonazis weiter. Fast vier Kilometer die Ludwigshafener Straße, eine Schnellstraße am Muldeufer entlang, laufen sie bis zum Heidefriedhof (Friedhof III). Ohne akustische Verstärkung dafür aber mit Fackeln stellt sich die extrem rechte „Jammergemeinschaft“ im Kreis vor dem Friedhofstor auf. Jens Bauer, ehemaliger stellvertretender NPD-Landesvorsitzender und Andreas Biere produzieren sich hier nun im historisch-mystisch anmutenden Ritual. Eine musikalische Gegenkundgebung in 200 bis 300 Metern Entfernung versucht dem steife Schauspiel etwas angemessener Heiterkeit entgegenzusetzen.

„Ich rufe die Gefallenen der Heimatfront!“ / „Hier“

Andreas Biere, Aktivist der Neonazi-„Initiative gegen das Vergessen“, beschwört die Teilnehmer vor dem Friedhof III in Dessaus Süden wie ein Zeremonienmeister. Biere, Vertreter der ehemaligen „Kameradschaft Festungsstadt“ aus Magdeburg und Mitglied der neonazistischen NPD, betont, dass sie es nach seiner Auffassung alleinig seien, die den Opfern der kriegsnotwendigen Bombardierungen angemessen und würdevoll gedenken würden. Gemäß ihrer „Treuepflicht“, so Biere, würden sie den Opfern ihres Volkes versprechen, auch in den nächste Jahren nicht ruhen zu wollen ihrer neben Dresden, Magdeburg und anderer Städte auch in Dessau zu gedenken. Nach einer Schweigeminute von genau 25 Sekunden folgt das rituelle Moment einer solchen Kundgebung. „Ich rufe die Gefallenen der Heimatfront!“ schreit Andreas Biere in gewohnter Manier den Neonazis, die im Kreis um ihn herumstehen, zu. „Hier“ schallt es, wie in einem schlechten Theaterstück einstudiert, im ungleichen Chor zurück.

Dann setzt sich der „Trauermarsch“ wieder in Richtung Hauptbahnhof in Bewegung. An der Museumskreuzung in der Innenstadt befinden sich noch etwa hundert Nazigegner bei einer Kundgebung unter dem Motto: „Die braune Schmiere wegputzen.“ Hier wurde den trauernden Neonazis noch ein letztes Mal die Konsequenz aus den Verbrechen Nazideutschlands verbal und optisch um die Ohren gehauen.

„Wir sind nicht die letzten von gestern sondern die ersten von morgen. Es lebe unser Vaterland, es lebe das deutsche Reich.“

„Wir sollten nie vergessen, dass Deutschland – und ich meine Deutschland nicht die BRD, unsere Heimat ist. Diese unsere Heimat, unser Deutschland lassen wir uns nicht von Spekulanten noch von machtgeilen Politikern rauben. Kämpft ehrlich, fest entschlossen und regsam für die Erhaltung unseres Volkes und die Neugeburt eines freien Deutschlands .“ so der Redner auf der Abschlusskundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz. Bevor er seine Rede beenden möchte wendet er sich nochmal klar an die „lieben Freunde der Antifa, der etablierten Volksvertreter und an die sonstigen Gutmenschen: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“, liest er vor dem mittlerweile regennassen Nazimob vom Zettel ab.

Vor zwanzig Jahren, holt der Redner nochmals aus, hätte niemand geglaubt, dass ein „weiß-deutscher Nationalist in Dessau zu diesem Thema eine Rede hält“. „So sicher wie sich das Unrechtsregime der ehemaligen DDR damals fühlte, so sicher fühlt sich auch heute unsere Demokratendiktatur. So wie damals ihr, liebe Kameraden  in Mitteldeutschland  die Kommunisten zum Teufel gejagt habt, so werden wir auch eines Tages dieses System beseitigen.“, redet er visionär den meist jungen Teilnehmern ein, dass diese an den Ereignissen, die zur Wende `89 geführt haben, auch nur irgendeinen Anteil gehabt hätten. „Wir sind nicht die letzten von gestern sondern die ersten von morgen. Es lebe unser Vaterland, es lebe das deutsche Reich.“, schließt er seine Rede ab.

Da zum Abschluss des Spucks gegen 18.00 Uhr noch ein paar Antifas den Neonazis Schmähungen entgegenriefen, erhitzte sich die Stimmung bei den Neonazis nochmal sehr. Diese versuchten durch die Polizeiketten durchzubrechen, um zu den Rufenden zu gelangen.

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