13./14. Februar 2009 / Dresden

Dresden im Februar: „Formation einnehmen und Hände aus den Taschen“

Fackelmarsch am Freitag den 13ten // größtes Neonazievent europaweit am Samstag // Neonaziangriffe vor, während und nach dem Aufmarsch

Auch in diesem Jahr am Wochenende des 13. und 14. Februar 2009 fanden in Dresden zwei Großaufmärsche der Neonaziszene statt. Am Samstag folgten zwischen 6.000 und 7.000 Neonazis dem Aufruf der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO). Bereits am Freitagabend mobilisierte das „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ mehr als 1.000 Neonazis nach Dresden, um einen Fackelmarsch unabhängig von JLO, NPD und der breiten Masse der extrem rechten Szene durchzuführen. Neben den Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet nahmen an beiden Aufzügen auch Delegationen aus verschiedenen europäischen Ländern teil.

„Bombenholocaust – Schließlich hat doch die Holocaustindustrie diesen Begriff nicht allein für sich gepachtet.“*

Dabei transportieren die Neonazis in ihrem Gedenken zahlreiche Mythen und Legenden, die sich auch hartnäckig in den Köpfen eines Teiles der Dresdener und der bundesdeutschen Bevölkerung halten. Während Wissenschaftler die Zahl der Toten infolge der Bombardierung Dresdens mit maximal 25.000 beziffern, propagieren Neonazis mehr als das Zehnfache. Dass Dresden zum Zeitpunkt der Angriffe voll mit deutschen Flüchtlingen war und keinerlei logistische Bedeutung für die deutsche Kriegsführung hatte, gehört nachweislich in den Bereich extrem rechter Propaganda. Auch andere Mythen werden gepflegt, wie die Tieffliegerangriffe auf den Elbwiesen oder der sogenannte Phosphorregen auf die Stadt, um die Bombardierung der Stadt als illegitimen Angriff vor allem auf die Dresdener Zivilbevölkerung und die deutsche Kultur umzudeuten. Der Begriff „Bombenholocaust“, mit dem die Verbrechen des Nationalsozialismus bewusst relativiert werden, hat Eingang in den geschichtlichen Diskurs der Bundesrepublik über die extrem rechte Szene hinaus gefunden.

„Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wie ständig neue Sühnetempel für Verbrechen der Deutschen gebaut werden.“*

Seit 1998 finden aus Anlass der Bombardierungen Demonstrationen der rechten Szene statt und seit 2004 treffen sich in Dresden alljährlich mehrere Tausend Teilnehmer auf dem größten Neonaziaufmarsch europaweit. Im vergangenen Jahr kamen am Samstag den 16. Februar 2008 zwischen 5.000 bis 6.000 Teilnehmer zu dem von der JLO organisierten Großaufmarsch, während ein Fackelmarsch mit ca. 1.000 Neonazis vornehmlich aus dem Spektrum der sogenannten „freien Kräfte“ bereits direkt am 13. Februar stattfand. Aus den Abgrenzungsbestrebungen einiger sogenannter „freier Kräfte“ zum „Großevent“ Dresden entstand das Dresdener „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ im Jahr 2007. Dieses ruft seitdem zu einer alljährlichen Aktionswoche auf, in der bundesweit in verschiedenen Städten mit unterschiedlichen Propagandaaktionen auf das Ereignis aufmerksam gemacht werden soll. Unter dem Motto „Ein Licht für Dresden“ werden in der Woche vor dem Dresdener Großaufmarsch landes- und bundesweit Kundgebungen und Aktionen durchgeführt. Auch in Sachsen-Anhalt fanden in diesem Jahr sogenannte „Mahnwachen“ bereits am 11. Februar in Sangerhausen sowie am 13. Februar in Wolfen und Staßfurt mit jeweils zwischen 16 und 35 Teilnehmern statt.

„Die Skelette nach vorn zum Maik“

Auch aus Sachsen-Anhalt fuhren bereits am 13. Februar Neonazis u.a. aus Magdeburg, Sangerhausen/ Sotterhausen, Halle, Merseburg und Querfurt nach Dresden, um mit „nationalen Aktivisten“ aus dem ganzen Bundesgebiet sowie aus verschiedenen europäischen Ländern an der vom „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ veranstalteten Demonstration teilzunehmen. Mit Fackeln, Kreuzen und Skelett-Mummenschanz zogen die Teilnehmer rund zwei Stunden durch Dresden. Dieser Aufmarsch ist auch ein Angebot an die Teile der Neonaziszene, die sich derzeit aufgrund von Richtungsstreitigkeiten und persönlichen Querelen mit der NPD überworfen haben. So nahmen die Kameradschaftsführer Christian Worch und Thomas Wulff, der erst im Januar die sogenannte „Volksfront“ zwischen NPD und „freien Kräften“ aufgekündigt hatten, ausschließlich am Freitagsmarsch teil. Andere Neonazis sehen den Konflikt jedoch weniger eng. Viele Transparente sah man am folgenden Tag auf dem Aufmarsch der JLO wieder. Als erster Redner trat Enrique Valls von der „Alianza Nacional“ aus Spanien auf und zeigte, dass Dresden auch für Neonazis in anderen europäischen Ländern ein wichtiges Symbol ist. Auch er war am Samstag noch einmal als Redner zu sehen.

„Die Systemmedien behaupten, wir würden die Geschichte verdrehen. Diesen Schmierfinken möchte ich entgegenrufen: Wir verdrehen hier keine Geschichte, wir tun die Wahrheit kund.“**

Die Veranstalter des Fackelmarsches arbeiten auch eng mit der Magdeburger „Initiative gegen das Vergessen“ zusammen. Bereits auf der Demonstration am 17. Januar 2009 in Magdeburg warb der Sprecher des „Aktionsbündnisses“, Maik Müller für den Aufmarsch in Dresden. Neben Müller trat in Dresden dann der Magdeburger Vertreter der Initiative, Andreas Biere als Redner auf. Biere stammt aus der ehemaligen „Kameradschaft Festungsstadt“ und ist Mitbegründer der Magdeburger „Initiative gegen das Vergessen“. Zudem ist er NPD-Mitglied und hat sich in den vergangenen Jahren bereits einen Namen gemacht als Trauerredner für alle historischen Themen wie Heldengedenktag und Bombardierungen deutscher Städte, die mit gesenkten Häuptern und Schweigeminuten enden.

„Vor 64 Jahren standen unsere Großväter noch in einem harten Kampf um ihr Vaterland. Heute sind wir hier angetreten und stehen im Kampf – im Kampf für Gerechtigkeit und im Kampf für die Wahrheit.“**

Die „Initiative gegen das Vergessen“ ist der Veranstalter des seit mehreren Jahren größten Neonaziaufmarsches in Sachsen-Anhalt, der 2008 ca. 700-800 Neonazis nach Magdeburg mobilisierte. Sie ist eng mit den hiesigen NPD- und JN-Strukturen verknüpft und organisierte zuletzt am 01. Februar in Magdeburg eine Vortragveranstaltung mit dem Pfleger von Rudolf Heß vor über 100 Zuhörern. Auch Teile der JN-Führungsriege wie der sachsen-anhaltische Landesvorsitzende Andy Knape und der Bundesschulungsleiter Matthias Gärtner (beide Magdeburg) nahmen am Aufmarsch teil. Biere und die „Initiative gegen das Vergessen“ waren jedoch nicht die einzigen Neonazis aus Sachsen-Anhalt, die in die Organisation der Demonstration eingebunden waren. Die Logistiker aus Sotterhausen (Mansfeld-Südharz), Marcus Großmann und Enrico Marx sorgten wie gewohnt auch auf dem Fackelmarsch in Dresden für Lautsprecherwagen, Technik und belegte Brötchen.

Vereinzelt wurde der Aufmarsch von Sprechchören von Gegendemonstranten gestört.

„Wir als Nationalisten fordern das Recht auf freie Meinungsäußerung, wir fordern das Recht auf die Freiheit der Geschichtsforschung. Wir fordern jetzt und heute auch an dieser Stelle Freiheit für Germar Rudolf und Ernst Zündel.“*

Zwischen 6.000 und 7.000 Neonazis folgten am Samstag dem Aufruf der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO). Neben verschiedenen extrem rechten Organisationen, Kameradschaften und „Autonomen Nationalisten“ zieht dieses Event auch zahlreiche unorganisierte Freizeit- und „Rummelnazis“ an, die sich einmal im Jahr mit Fotoapparat bewaffnet dieses Massenevent nicht entgehen lassen. Auch aus Sachsen-Anhalt waren Vertreter von NPD, JN und „freien Kräften“ aus dem gesamten Bundesland angereist.

Vier Tage vor seinem Rücktritt von der NPD-Bundesvorsitz-Kandidatur zeigte sich Andreas Molau noch einträchtig neben Udo Voigt und weiterer Parteiprominenz am Transparent der sächsischen NPD-Landtagsfraktion. Geschützt wurde dieser Block von den Ordnern des „Selbstschutzes“ Sachsen-Anhalt/ Deutschland, die schon seit mehreren Jahren ihre Ordnerdienste an dieser Demonstration versehen. Als langjährige Ordner scheinen sich insbesondere der „Selbstschutz“-Gründer Mirko Appelt sowie der Ex-Hallenser Marcus Großmann dafür qualifiziert zu haben die Parteiprominenz zu schützen. Weitere Ordner kamen u.a. aus Magdeburg, der Altmark, Halle, Wernigerode, Burg und Leipzig.

„64 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges ist es an der Zeit, dass wir endlich das Büßerhemd und die Narrenkappe ausziehen.“*

Als erster Redner sprach der 95jährige Hajo Hermann, der als Jagdflieger der Wehrmacht zahlreiche Luftangriffe flog, viermal abgeschossen worden ist und heute als „Zeitzeuge“ und Angehöriger der „Erlebnisgeneration“ Vorträge vor jungen Neonazis hält. Als eine Gegendemonstrantin während seiner Rede den als Bühne genutzten „Sixt“-LKW erklomm und „Nie wieder Deuschland, nie wieder Krieg“ rief, wurde sie von Ordnern gepackt und von der Tribüne geworfen. Als nächster Redner trat der Vorsitzende der sächsischen Landtagsfraktion Holger Apfel auf. Auf der Abschlusskundgebung redeten wiederum der Spanier Enrique Valls sowie ein Neonazi aus der Slowakei. Außerdem trat als letzter Redner der neu gewählte DVU-Bundesvorsitzende Matthias Faust auf, bevor die Demonstration nach dem Abspielen des Deutschlandliedes beendet wurde.

Während in der gesamten Stadt mehrere Tausend Menschen gegen den Aufmarsch protestierten, waren an der Demonstrationsstrecke nur sehr vereinzelte Proteste wahrnehmbar. Die Polizei vor Ort hielt mit zum Teil unverhältnismäßiger Gewalt die Gegendemonstranten davon ab, in die Nähe der Neonazidemonstration zu gelangen. Die mehr als 6.000 Neonazis zogen zwei Stunden lang durch die Dresdener Innenstadt und wurden dabei nur spärlich von der Polizei begleitet. Einzelne kleinere Neonazigruppen sollen sich auch in den Seitenstraßen auf der Suche nach Gegendemonstranten selbstständig gemacht haben. Wie in Hamburg kam es auch in Dresden aufgrund der geringen Absicherung durch die Polizei sowie der trotz des Anlasses hohen Gewaltbereitschaft zu Angriffen auf Fotografen. Auch bei der An- und Abreise kam es zu massiven Angriffen von Neonazis auf Gegendemonstranten.

* Zitat Holger Apfel
** Zitat Andreas Biere

Bilder vom 14. Februar folgen…

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  2. 2 Februar 2009 « Infothek-Dessau.de

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  3. 3 07. März 2009 / Dessau: Nazijammern « Infothek-Dessau.de

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  4. 4 01. Mai 2009 / Freiberg « Infothek-Dessau.de

    […] Nachdem am Donnerstag das Bundesverfassungsgericht die lange umstrittene Demonstration des „freien“ Kameradschaftsspektrums nach einem zähen juristischen Ringen endgültig verboten hatte, meldeten sächsische Neonaziaktivisten per Eilanmeldung einen Aufmarsch unter dem Motto: „Zukunft statt Kapitalismus – Freiheit statt BRD“ im sächsischen Freiberg an. Anmelder des Aufmarsches war der Sprecher des Dresdner „Aktionsbündnisses gegen das Vergessen“ Maik Müller (mehr dazu hier…). […]

  5. 5 12. Februar 2010 / Wolfen: Mahnwache « Infothek-Dessau.de

    […] dem Aufmarsch in Dresden, an dem im Februar 2009 mehr als 6.000 Neonazis teilnahmen (mehr dazu hier…), werden ähnliche Veranstaltungen im kleineren Rahmen auch in andere Städten durchgeführt. So […]






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