mz-web.de: Rechte Gewalttaten nehmen nicht ab

Opferberatungsstelle zählt 40 Vorfälle im Raum Anhalt

von Annette Gens, 25.01.08, 19:31h, aktualisiert 25.01.08, 19:43h
Dessau-Roßlau/MZ. In der Region Anhalt ist die Entwicklung rechter Gewalt nach Erkenntnissen der Opferberatung nach wie vor Besorgnis erregend. Von einer Entwarnung könne keine Rede sein, sagte Marco Steckel, Leiter der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt in Dessau-Roßlau. So wurden der Einrichtung im Vorjahr 40 rechtsextrem motivierte Gewalttaten bekannt, 2006 waren es 38.

Zwei Schwerpunkte

Schwerpunkte seien der Landkreis Anhalt-Bitterfeld mit den Städten Bitterfeld-Wolfen, Köthen und Aken / Elbe sowie die Stadt Dessau- Roßlau. Insgesamt 19 Fälle gab es in Anhalt-Bitterfeld, 13 in der Doppelstadt Dessau-Roßlau (zehn in Dessau, vier in Roßlau), sieben im Landkreis Wittenberg und einer in Hobeck, einem Ort, der vor der Gebietsreform zum Altkreis Anhalt-Zerbst gehörte und inzwischen im Jerichower Land angesiedelt ist und weiter zum Erfassungsgebiet der Beratungsstelle gehört.

Von den Angriffen waren 71 Personen betroffen. Dabei handelte es sich meist um Körperverletzungen sowie Nötigung und Bedrohungen. Nicht selten seien die Täter in Gruppen aufgetreten. Bei der Mehrzahl der Opfer handele es sich um politisch Aktive und nicht rechte Personen, so Steckel, der weiterhin auf einige Besonderheiten in der Region aufmerksam machte. Im Kampf gegen rechte Gewalt gebe es auch ermutigende Beispiele: So habe sich der Bürgermeister in Aken nach rechten Aufmärschen in seiner Stadt öffentlich gewehrt. Dieses offensive Entgegentreten einer Kommune gegen Rechts habe die Beratungsstelle zum ersten Mal in dieser Form erlebt.

Steckel erinnerte aber auch an einen Fall aus Wittenberg: So sei das Kleinfeldfußballturnier „Luther Cup“ im Juni 2007 in Wittenberg von rechter Gewalt überschattet worden. Dabei sei ein deutscher Jugendlicher mit afrikanischer Herkunft aus Wittenberg getreten und seine Freundin von Rechtsextremen beschimpft worden. Die Polizei habe damals nach Auffassung der Beratungsstelle die Fluchthinweise der Opfer nicht ernst genommen. Der Fall soll demnächst im Untersuchungsausschuss des Landtages ausgewertet werden.

Aktuelle Chronik

Auch das in Dessau angesiedelte Projekt Gegenpart – das mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt – legte am Freitag eine aktuelle Chronik vor. Diese erfasst neben rechten Gewalttaten auch so genannte Propagandadelikte und gibt Auskünfte über agierende rechte Gruppen in Dessau und Umgebung. Die aktuellen Unterlagen sind wesentlich umfassender als noch 2006, meinte Gegenpart-Mitarbeiter Steffen Andersch. Für 2006 waren darin 101 Einträge erfasst worden. Letztes Jahr gab es 166. In der Chronik macht das Projekt Besorgnis erregende Entwicklungen deutlich. Viele Rechte aus dem Bereich um Bernburg hätten sich unter dem organisatorischem Dach der NPD versammelt. Hinzu komme, dass eine Rechtsextremistin aus dem Bereich Wolfen-Anhalt-Dessau gleichzeitig als NPD-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt fungiere.
Quelle

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