mz-web.de: Auf den Spuren des Nazi-Terrors

«Zug der Erinnerung» in Halle – Schüler ergänzen Ausstellung mit Recherchen aus der Region
von Heidi Jürgens, 16.01.08, 18:47h, aktualisiert 16.01.08, 20:48h
Halle/MZ. Es ist ziemlich ruhig im Zug. Trotz der vielen Leute, trotz der vielen Jugendlichen. Stumm schauen sich die meisten die Fotos an, die in den Wagen auf Tafeln zu sehen sind, lesen die Texte. Wenige Sätze oft nur, Angaben zu Alter, Familie und vor allem: Geburts- und Todesdatum. Informationen, unter welcher Transportnummer die Kinder mit Zügen der Deutschen Reichsbahn quer durchs Land und schließlich in Richtung Osten in KZ und Vernichtungslager gebracht wurden. Nur bei ganz wenigen ist zu lesen, dass sie überlebten.

„Ich bin traurig“, sagt Mathias Hentschel auf die Frage, was ihn beim Anschauen bewegt. Und die Betroffenheit ist dem Neuntklässler aus der Förderschule Salzmann anzusehen. Gemeinsam mit Schulkameraden hat er sich schon einige Zeit vor dem Eintreffen des Zuges auf Spurensuche begeben. Hat Material, das Schüler des Herder- und des Südstadtgymnasiums über hallesche Kinder, die deportiert wurden, zusammen getragen haben, aufbereitet. So sind Tafeln entstanden, die nun als regionaler Beitrag die Ausstellung in einem der Wagen ergänzen.

Bereits seit dem 8. November ist der Zug unterwegs. Sein Ziel soll er am 8. Mai erreichen: Auschwitz. Bis dahin macht er auf etlichen Bahnhöfen Station, um mit einer Ausstellung an mehr als drei Millionen im Nationalsozialismus deportierter und ermordeter Menschen wach zu halten.

Hervor gegangen ist ist die Initiative „Zug der Erinnerung“ aus der Initiative „11 Kinder“. Im Jahr 2005 hatte diese versucht, eine Ausstellung gleichen Namens, die sich dem Schicksal von 11 000 deportierten französischen jüdischen französischen Kindern widmet, auf deutsche Bahnhöfe zu holen. Dagegen hatte sich die Deutsche Bahn gewehrt. Mit dem „Zug der Erinnerung“ will die Initiative nun dem Gedenken auf Bahnhöfen dennoch Raum geben.

Zur Eröffnung der Ausstellung in Halle wies Landes-Sozialministerin Gerlinde Kuppe (SPD) darauf hin, dass die Gefahr des Rechtsradikalismus nicht gebannt sei und man Anfängen wehren müsse. Ausstellungen wie diese würden dazu beitragen, aus der Geschichte zu lernen – dafür gelte allen Initiatoren Dank. Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) schloss sich dem an, lenkte das Augenmerk aber auch darauf, dass es bedauerlich sei, dass die Bahn AG „derart zurückhaltend“ mit diesem speziellen Thema der Transporte in die Vernichtungslager umgehe. Die Reichsbahn sei wie viele andere in das grausame Prozedere eingebunden gewesen. Hohe Trassen-, Stations- und Strom-Anschlussgebühren für den Zug seien kein gutes Signal. Ausdrücklich von der Kritik am Unternehmen Bahn wolle sie jedoch dessen Vertreter vor Ort – das hallesche Bahnhofsmanagement – ausnehmen, das die Präsentation des Zuges möglich mache. Sie hoffte, dass der Zug möglichst viel Interesse in Halle findet.

Unter denen, die gestern Vormittag schon kamen, waren auch Schüler der Albert-Klotz-Schule. Jessy Buchmann, Tobias Nowrocki und Fabian Germann gehörten zu ihnen. „Schrecklich muss das gewesen sein“, sagte Fabian und Tobias war sich sicher: „Das zu sehen, ist sehr wichtig. Sonst kommt so was womöglich mal wieder. Und das wäre furchtbar.“

Am Donnerstag fährt der Zug nach Bernburg, die dortige Euthanasie-Gedenkstätte hat Zuarbeit zur Ausstellung geleistet. Freitag und am Sonnabend steht er wieder in Halle und kann von 9 bis 19 Uhr besichtigt werden.
Quelle

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